Samstag, 13. November 2010

Kinder und Bomben (Aus den Tagebüchern des Walter Amok)

Die Sache mit den öffentlichen Mülleimern hört nicht auf. Mein Freund Günther sagt; man ist nirgends mehr sicher, weil die Dinger jetzt alle gleichzeitig explodieren, und die vom Ordnungsamt kommen gar nicht mehr zur Parkraumüberwachung, weil sie ständig die Trümmer und den Müll von den Straßen auflesen müssen. Und den Bullen fiel wieder nichts Besseres ein, als Günther zu verdächtigen, weil er ja Terror heißt, und nach mir haben sie ihn auch wieder gefragt. Mein Name ist Amok. Walter Amok. Ich war mal Integrationsbeauftragter, jetzt haben sie mich beim Amt für Ordnung abgelehnt. Dabei hätte ich auch gern so eine blaue Uniform mit Leuchtweste für die Nacht. Ich begleite Günther trotzdem, aber lediglich als Zivilist, und ich wundere mich, warum noch niemand von den herumfliegenden Mülleimern verletzt wurde. Stattdessen wurde eine 72-jährige Gehbehinderte von einem Kinderwagen am Kopf getroffen. Das mag daran liegen, dass in dieser Gegend die Kinderwagen wie die Mülleimer an Laternenpfähle oder Straßenschilder gekettet werden. Aus Sorge, bzw. als Vorsorge, meint Günther. Die Anzahl der Diebstähle ist drastisch gestiegen. Ich finde es eigenartig, dass die Kinder aus den Wagen entfernt werden, bevor man dann die Wagen klaut. Deswegen liegen hier überall Kleinkinder auf den Bürgersteigen und in den Rinnsteinen. Mit so einem Kind ist doch viel mehr Kohle zu machen, als mit einem Gebrauchtwagen, zum Beispiel im Adoptivgeschäft, mit Schwulen und anderen Unfruchtbaren. Andererseits ist das gut, dass die Kinder aus den Wagen entfernt werden, weil dann die Wagen, die explodieren, ohne die Kinder explodieren, und es wäre noch unschöner, wäre die 72-Jährige Gehbehinderte von einem Kleinkind, statt dem Wagen des Kleinkinds, niedergestreckt worden. Günther Terror behauptet, es gebe in diesem Kiez demnächst eine Mutterraumüberwachung. Das war ja auch die Stelle, auf die ich mich beworben habe, aber noch bleiben die Mütter hier unbehelligt und stellen ihre Kinder ab, wo es ihnen gerade passt. Auch die Japan-Noten wollten mich nicht haben, obwohl ihnen der Name Amok gefällt. Ich bin zu alt, sagen sie. Die Japan-Noten ist eine marodierende Bande von Kindern zwischen 5 und 8 Jahren. Um Mitglied werden zu können, müssen die Eltern einen zwingen, in der Freizeit Japanisch und außerdem ein Instrument zu lernen. Eine 6-Jährige, offenbar die Anführerin, geht man von den Narben auf ihrer Stirn aus, erklärt mir, dass Noten die schriftliche Aufzeichnung eines Tones sind. Sie will wissen, ob ich schon mal probiert habe, eine Minute „Lebendiger Beckenboden“ aufzuzeichnen, und ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Japan-Noten etwas mit den Explosionen zu tun haben. Die Anführerin lächelt, und das ist das erste Mal, dass jemand keine Angst vor mir hat, sieht man mal von Günther Terror ab, aber der fürchtet sich vor niemandem, behauptet er.

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