Montag, 15. November 2010

Kinder und Bomben 2 (Aus den Tagebüchern des Walter Amok)


Obwohl hier im Kiez keine Migranten erwünscht sind, kaufen die Menschen gern bei Vietnamesen ein. Aber die gehen dann nach Ladenschluss nach Hause. Und obwohl keine Migranten erwünscht sind, schließen sich hier lauter Kinder und Jugendliche aus Schweden, Spanien, Kanada und Pittsburgh zu Gangs zusammen. Zum Beispiel Das Patriotische Band, das sind die 9-13 Jährigen. Ihre Gruppentreffen finden häufig in meiner Küche statt, weil Einar, ihr Anführer, mein Nachhilfeschüler ist. Seine Eltern entlöhnen mich überdurchschnittlich, dafür musste ich eine Schweigeverpflichtung unterzeichnen. Sie schämen sich für die Hilfsbedürftigkeit ihres Sohnes, dabei benötigt Einar gar keine Nachhilfe, schon gar nicht in Physik. Er spielt seinem Lehrer und den Eltern nur gern etwas vor, um sich mehr Freiraum zu verschaffen. Für letzten Samstag hatte Einar für Das Patriotische Band eine Chorprobe angesetzt.

Ich hatt’ einen Kameraden,

Einen bessern findst du nit.

Die Trommel schlug zum Streite,

Er ging an meiner Seite

In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,

Gilt's mir oder gilt es dir?

Ihn hat es weggerissen,

Er liegt mir vor den Füßen,

Als wär's ein Stück von mir.


Will mir die Hand noch reichen,

Derweil ich eben lad.

Kann dir die Hand nicht geben,

Bleib du im ew'gen Leben

Mein guter Kamerad! 
Auf meinem Küchentisch stand ein Chemiebaukasten. „Wir bauen keine Bomben“, versicherte mir Einar. Er ist im Stimmbruch und hat nicht mitgesungen. Am Sonntag, also gestern, saßen die vom Patriotischen Band hier überall auf den Straßen und Spielplätzen, immer nur einer allein, und jeder hat das Lied gesungen. Das Lied wurde einfach immer weitergetragen, wie ein Kanon, weil wirklich an jeder Ecke einer hockte, die schwarze Kapuze seiner Kutte des Patriotischen Bandes über die Stirn gezogen. Selbst Einar hat gesungen. Alle hielten ihn für einen Aufrührer, wegen dem Stimmbruch, und überhaupt regten sich alle Eltern im Kiez über diese Kinder auf, und Einars Vater hat sogar auf den Einar eingeprügelt. Er kommt aus Norwegen, und wusste nicht, dass dieses Lied gesungen wird, wenn unser Volk zusammen trauert. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen