Dienstag, 30. November 2010

soweto culture defense II


Der Zaun ist aus Metall, zwei Meter hoch vielleicht, mit Bast verkleidet, wie ein Rock, weil das Grundstück rund ist, also auch der Zaun. Das Tor steht offen. Vor dem Haus, dessen blassblaue Farbe abblättert, steht ein schwerer Holztisch. Wenn man zum Eingang will, vor dem ein Fliegenfänger hängt, muss man an dem Tisch vorbei. Auf dem Tisch steht ein riesiger Hund. Er sieht aus, als würde er mit Testosteron gefüttert. Er steht breitbeinig da und rührt sich nicht, aber Sabber tropft zwischen seinen Lefzen raus. Das Halsband könnte genauso gut aus Stacheldraht sein. Würde mich nicht wundern, wenn auch Diamanten dran sind. Ich traue mich nicht an dem Hund vorbei. Er starrt mich an und ist nicht angeleint. Mir bleibt kein Wahl. Drinnen ist es dunkel. Sie haben Pappe in die Fensterrahmen gepresst. Der Filz auf dem Billardtisch ist eingerissen. An einer Wand über einem Sofa, aus dem die Polsterung quillt, hängt ein Schild, da ist eine Pistole drauf. Auf die Pistole ist ein rotes Kreuz gemalt. „Arms free“ steht drunter. Keine Ahnung, ob das nur für Gäste gilt. Der Typ hinter dem Tresen hat seinen Arm aufgestützt und auf den Arm den Kopf. Neben ihm leuchtet ein Cola-Automat. Der mit Diesel betriebene Generator dröhnt aus dem Kabuff hinter der Theke. Durch den Türspalt sind vier Füße und Beine zu sehen. Sie wippen nicht im Takt der Musik, die versucht sich gegen den Generator durchzusetzen. Ich will vier Literflaschen Bier. Die Jungs vom Billardtisch unterbrechen ihr Spiel und zünden sich zu zweit eine Zigarette an. Der Typ von der Bar verschwindet im Kabuff, und die da drin müssen ihre Füße einziehen, aber er achtet darauf, die Tür nicht so weit zu öffnen, damit keiner erkennen kann, wer drin ist. Ich warte. Die Billardjungs tun so, als wäre ich nicht da, lassen mich aber nicht aus den Augen. Das Bier ist sogar kalt. Ich frage nach einer Tüte, und das wird zu einem Problem, weil sich nirgendwo eine auftreiben lässt. Der Hund steht immer noch auf dem Tisch, aber jetzt ist er unruhig. Vielleicht will er runter. Aber er springt nicht. Hinter mir legen die Jungs vom Billardtisch eine Kette vors Tor. Ohne Ausweis kommst du da jetzt nicht mehr rein. Als Ausweis gilt dein Gesicht. Bei dem Hund bin ich nicht sicher, ob er sich Gesichter merkt. Vor mir gehen vier Jungs und neben uns rollt eine Limousine, die immer langsamer wird. Auf Höhe der Jungs hängt der Fahrer den Kopf zum Fenster raus und ruft: „Who let the dogs out?“ Die Jungs fangen rhythmisch an zu bellen. Der Fahrer lacht, tritt aufs Gas und auf die Bremse und zieht eine Spur geschmolzenen Gummis hinter sich her.

Montag, 29. November 2010

Sonder-Einsatz-Kommando


Eigentlich ist es nicht vorgesehen, dass man seinem zukünftigen Ich begegnet. Es lässt sich trotzdem nicht verhindern, dass es manchmal passiert. Das hat dann ziemlich katastrophale Folgen für das gegenwärtige Ich, wohingegen das zukünftige überhaupt nicht kapiert, was los ist und notfalls einfach drauf los ballert. Mein zukünftiges Ich kam kürzlich überhaupt nicht klar, als es aus Versehen in meiner Gegenwart gelandet ist und da niemanden kannte. Bei mir hat es auch gedauert, bis ich diesen Typen, über den ich mir gerade das Maul zerriss, als das sehen konnte, was er war. Natürlich habe ich sofort überlegt, ob ich ihn beeinflussen kann. Ob ich ihm was mit auf den Weg geben kann, damit er sich ändert. Und ich dachte daran, mein Leben zu ändern, damit ich später nicht als so ein Arsch da stehe. „Eine echte Bedrohung“, meinte Rhea, meine Freundin, obwohl die sich einfach so von ihm bedroht fühlte, ohne zu wissen, dass ich das bin, irgendwann. Rhea wollte auch, dass ich sie verteidige. So was mache ich normalerweise, wenn einer sich nicht anständig benimmt. Dann mache ich dem klar, dass er das lassen soll, und notfalls wird das auch körperlich. So nennt Rhea das, wenn ich meinen Körper zu ihrer Verteidigung einsetze. Und jetzt erwartete sie, dass ich mir die Fresse polierte oder mir zumindest in die Eier trat. Sie wusste, wenn’s hart auf hart kommt, ziehe ich mein Messer. Selbst wenn der Typ ´ne Knarre gehabt hätte - was mich übrigens nicht im mindesten gewundert hätte - Rhea war sich sicher, dass mir nicht mal ein Typ mit Knarre was anhaben konnte. Ich dachte noch, wenn ich das in der Zukunft bin, dann ist vielleicht die ganze Zukunft scheiße, und vor allem dachte ich, dass die in der Zukunft andere Waffen haben, gegen die mir dann auch Rheas Glaube nichts nutzen würde. Er sabberte und pöbelte rum, also habe ich mich erst mal zwischen ihn und Rhea gebracht und ihn gefragt, wie er heißt. Nur um zu überprüfen, dass es sich auch um die Zukunft und nicht ein paralleles Universum handelte, in das ich da hineingerutscht war – oder er. Noch war ich nicht überzeugt, dass das aufs selbe hinaus lief. Er sagte: „Ich heiße Lenny. Und du?“ „Hältst du jetzt mit dem Kaffeeklatsch, oder was?“ Das war Rhea. Ihr dauerte das alles zu lang. Sie rutschte vom Barhocker, zuppelte an ihrem Rock, was auch nichts brachte, denn ihren Slip hat man so oder so gesehen. Dann fegte Rhea mit ihrer weißen Lederhandtasche über den Tresen. Die hatte ich ihr ohne besonderen Anlass geschenkt, weil so was bei Rhea Eindruck macht. Jedenfalls sah es unfassbar lässig aus, wie sie das Teil über die Theke und hinter sich her zog, wie in Zeitlupe, so wie Patricia Arquette, wenn sie in Lost Highway aus dem Auto steigt. Aber Rhea verzog sich nur auf die Toilette. Mehr Verachtung konnte sie mir nicht entgegenbringen. Jetzt erwartete sie nämlich, dass ich den Kerl zertrümmerte, ohne dass sie dabei zusah. Sie hat sich gar nicht mehr nach mir umgedreht, einfach nur, „wir sehen uns später, Tiger“, gerufen. Also wusste Lenny jetzt, dass ich der Tiger war, nur hat er nicht geschnallt, dass er das hätte sein können, wenn nicht irgendwas schief gelaufen wäre in den letzten zwanzig Jahren. Sonst wäre wohl kaum dieser verschissene Schleimer Lenny aus mir geworden. Kein Wunder, dass Rhea mich wegen so was verließ. Ich schlug vorsichtshalber zu. Lenny wich mir geschickt aus, aber er schlug nicht zurück. Das war sein Friedensangebot. Noch ehe ich die Sache vertiefen konnte, traf das Sondereinheitskommando ein und bereinigte die Angelegenheit auf seine Art. Lennys Blick, als sie ihn an der Angel hatten, den werde ich wohl nie vergessen. Rhea meinte, dass sie sich nirgends mehr sehen lassen kann, weil mich so’n Milchgesicht so alt hat aussehen lassen. Aber ich glaube sowieso nicht, dass das auf Dauer mit uns gut gegangen wäre.

Sonntag, 28. November 2010

Die Einzelkämpferin I


Seit ein paar Tagen war es unerträglich heiß im Büro für Suchtmittelangelegenheiten. Der Polizist war schwul und hatte sich selbst angzeigt. Irgendein Problem mit Speed und Dope, vor allem kam er nicht damit klar, dass er schwul war und ständig auf Klappen rum hing, wo seine Uniform enorm gut ankam. Nellys Vater leitete eine Werbeagentur, aber sie war Vorzimmerdame im Büro für Suchtmittelangelegenheiten, was so viel hieß wie: Sie schmiss den Laden. Nelly konnte ihren Vater nicht ausstehen, der seine Tochter dafür hasste, dass sie „niedere Arbeit“ machte, wie er das nannte. Der Polizist kaute Fingernägel. Nelly hätte es besser gefunden, wenn er in zivil aufgetaucht wäre. Wenn seine Kollegen ihn hier in voller Montur sahen, würde seine Karriere höchstwahrscheinlich im Arsch sein. Nelly versuchte über Speed und Dope mit ihm zu sprechen, aber er fing immer wieder vom Schwulsein an und von den Klappen, und dann fiel Nelly ein, dass er gerade im Büro für Suchtmittelangelegenheiten auf dem Klo war, sie gefragt hatte: Wo geht’s denn hier zu den Toiletten? Nelly rekonstruierte den Vorgang, der keine halbe Stunde her war. Er war ihrem Zeigefinger gefolgt, und ihr war klar, es gab Typen, die holen ihr Ding raus – kurzer, harter Strahl, zweimal nachgedrückt und das Ding war wieder eingepackt. Und dann gab es die, bei denen es eher langsamer, gleichmäßiger raus kam, die es auch mehr zelebrierten und am Ende noch auf den Fersen auf- und abrollten. Das dauerte etwas länger. Dann gab es die Gestörten, die nicht konnten, wenn einer neben ihnen stand, die auf die Scheißhäuser mussten, die Brille hochklappten, und dann gab es sogar welche, die tupften sich den Schwanz mit Klopapier ab, wegen dem letzten Tropfen, dass der nicht in die Unterhose kam. Manche setzten sich sogar, obwohl sie nicht zu Hause waren, aber unabhängig von all den Möglichkeiten war der schwule Bulle einfach zu lang geblieben, und als er zurückkam, sah er echauffiert aus, fand Nelly, und dann erinnerte sie sich an Mario, den Praktikanten, der so verstohlen um die Ecke geguckt und sich fast an ihr vorbeigeschlichen hatte, und das war passiert, nachdem der schwule Polizist zurück von der Toilette war. Sie hätte nie gedacht, dass Mario schwul ist, zumal sie letzte Woche mit ihm ausgegangen war, obwohl Nelly sich mal geschworen hatte, nie mit einem Praktikanten auszugehen. Nur sah Mario einfach zu gut aus, und seine sonstigen Anlagen deuteten durchaus auf einen erfolgreichen beruflichen Werdegang hin, obwohl ihr das letztlich egal war, was einer war, allein schon wegen ihrem Vater. Den hätte sie gern mit Mario geärgert. Es war aber nicht zum Abschluss gekommen, bei ihrem Date, und Nelly bekam die Puzzleteile nicht mehr zusammen, woran es gelegen hatte, und jetzt konnte sie sich nicht weiter damit beschäftigen, weil dieser echauffierte, schwule Bulle wieder vor ihr stand und als Suchtmittel Männer und nicht Speed oder Dope angab. Zu allem Überfluss fing er plötzlich an, zu weinen. Fehlte nur noch, dass er was von Frau und Kind erzählte, aber er schluchzte nur, und Nelly wusste nicht wohin mit ihm. Plötzlich wischte er sich die Tränen ab, lächelte Nelly an und bedankte sich, als wäre nie irgendwas gewesen. Nelly war zu perplex, um ihn zurückzuhalten. Sie konnte noch sehen, dass draußen Mario wartete, der dann zusammen mit dem schwulen Bullen abzog, ohne sich bei ihr abgemeldet zu haben. Da fühlte Nelly etwas, das sie noch nie zuvor gefühlt hatte, etwas, das sie zu überwältigen drohte. Nelly wunderte sich noch, dass ihr das keine Angst machte, doch dann wurde ihr bewusst, dass es die anderen waren, die sich von nun an vor ihr zu fürchten hatten. Noch konnte sie nicht ahnen, wo sie das hinführen sollte. ...

Samstag, 27. November 2010

Terror-Notrufzentrale

Man kann den Warnungen nicht entgehen. Seid vorsichtig. Aber wohin soll man sich wenden, mit einem Terror-Verdacht. Die Einsatzkräfte können nicht überall sein. Die Besucher eines Cafés fragten sich das gerade, als auf einmal zwei Koffer unter einem Tisch entdeckt wurden und sich niemand erinnern konnte, wer da zuvor gesessen hatte. Wie lautet die Nummer des Not-Telefons, wollten wir wissen, weil unter der 110 ständig besetzt war. Wir probierten es mit 837767, der Tastenkombination für Terror, aber diese Nummer stand in keinem Netz für irgendetwas oder irgendjemanden. Wie kamen alle der Empfehlung nach, besonnen zu handeln und uns nicht unters Volk zu mischen. Aber wir hätten gerne eine Verbindung hergestellt, die unserer Angst und vor allem unserem Verdacht nachgegangen wäre. Später hat meine Cousine ihre 7-jährige Tochter noch zum Kindertätowierer gebracht. Sie dachte, dass die Motive draufgeklebt werden und abwaschbar sind. Es hat sich dann herausgestellt, dass dem nicht so ist. Jetzt hat die Tochter meiner Cousine ein merkwürdiges Motiv mit Anker und Pistole auf ihrem Unterarm, das man bestenfalls weglasern kann. Meine Cousine ist echt wütend. Ihre Tochter findet sich cool. Was mir Sorgen macht, sind nicht die Kindertätowierer, oder die ahnungslosen Mütter, sondern die Kinder und deren Motive.

Donnerstag, 25. November 2010

Zocker


Mitte der 90-iger Jahre, letztes Jahrhundert, bin ich mit meiner Streetball-Crew durchs ganze Land getourt. Egal wo wir waren, wir haben die anderen Combos abgezockt. Meistens zumindest. Jedenfalls waren wir ´ne große Nummer und jeder wollte gegen uns antreten. Hat uns über drei Sommer lang das Leben finanziert, aber dann fingen die Probleme an, weil ich dachte, ich könnte was mit Roy haben, und Roy wollte das auch, glaube ich, aber ich hab mich zurückgehalten, keine Ahnung warum. Wahrscheinlich war ich zu feige, weil Roy irgendwann ziemlich zweideutig meinte, wenn wir nicht aufpassen, steigt Karsten aus und darauf hatte er keinen Bock. Ich fing dann das Kiffen an, aber ich versenkte meine Dreier nicht mehr, was mein gottgeschissener Job war. Keine Ahnung, wie Roy das machte. Der kiffte ununterbrochen, und es hatte keinen Einfluss auf sein Spiel. Wir haben beide nicht mitgekriegt, was bei Karsten abseits des Courts lief, aber irgendwann hat er uns mit reingezogen, und wir haben’s viel zu spät gemerkt. Vorher ist Karsten schon total ausgerastet, weil ich so mies gespielt habe. War schon fast gewalttätig. Roy hat geglaubt, mich beschützen zu müssen, was irgendwie auch gut war, weil vor Roy alle Respekt hatten. Auch Karsten, aber auf den war einfach kein Verlass mehr. Und dann fingen wir an zu verlieren, und das hat sich rumgesprochen. Ein paar Wochen konnten wir uns noch über Wasser halten, aber irgendwann waren wir mehr ´ne Lachnummer. Bis auf Roy. Er war einfach der Größte. Und dann ist Karsten verschwunden, und die Eintreiber haben sich an mich und Roy gehalten. Roy war mittlerweile einfach zu bekifft, um mich zu schützen. Der konnte nicht mal mehr auf sich selbst aufpassen. Wir haben also voll auf die Fresse gekriegt. Mein rechter Augenboden ist gebrochen und das halbe Auge, also der Augapfel, hing aus der Höhle raus. Roy hat’s an den Knien erwischt. Es war sofort klar, er würde nie mehr einen Dunk versenken können. Wir haben uns dann aus den Augen verloren, Roy und ich. Irgendwann neulich wollte ich einen Scheck einlösen, was angeblich nur bei der Deutschen Bank ging, also bin ich da in eine Filiale rein, und an dem Schalter stand auf einmal Karsten vor mir. So richtig mit Schlips und Krawatte und Scheißfrisur. Er hat so getan, als würde er mich nicht erkennen. Da hätte ich ihm am liebsten die Fresse poliert. Habe ich aber nicht. Ich wollte Roy davon erzählen, aber der hat jetzt offenbar ´ne andere Nummer und vergessen, sie mir zu geben. Ich habe keine Ahnung, wie ich Roy erreichen soll, weil ich zu den ganzen Leuten von früher keinen Kontakt mehr habe. Mir fällt nicht ein, wo ich noch fragen könnte. Auf den Plätzen kennt uns auch kein Mensch mehr.

Mittwoch, 24. November 2010

Eilmeldung


Aufgrund der aktuellen militärischen Provokation aus Nordkorea und der drohenden Eskalation mit Südkorea, hat der MAD sämtliche Unterlagen für das „Pjöngjang-Komplott“ beschlagnahmt, so dass die Fortsetzung auf unbestimmte Zeit verschoben werden muss. 

Dienstag, 23. November 2010

Heimatschutz

Ich habe mein Land verraten. Oder habe ich das Land verraten, in das mein Land mich geschickt hat – ein Land, für das ich mich möglicherweise eingesetzt habe, entgegen der Interessen meines Landes, aus einer persönlichen Überzeugung heraus? Im Nachhinein ist das kaum mehr zu entscheiden. Im Prinzip war das Unternehmen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Trotzdem war ich furchtlos und entschlossen bei der Ausführung. Aber ich wurde enttarnt. Mein anschließender Fluchtversuch war mehr ein Reflex. Anders ist mein Sprung in diesen verschissenen Fluss nicht zu erklären. Erst da wurde mir bewusst, dass an den Ufern und auch im Wasser Krokodile waren. Ich hätte es wissen müssen. Meine Ruhe hat mich irritiert; ich blieb auch ruhig, als das erste Tier auf mich zukam. Aber meine Verfolger fischten mich aus dem Wasser, bevor es mich erreichen konnte. Ich wurde verhört und noch vor Ort zum Tode verurteilt. Ich habe das akzeptiert, weil ich mir des Risikos dieser Mission immer bewusst gewesen war. Wieder überraschte mich meine innere Ruhe, weil es doch etwas anderes ist, wenn etwas, das man in Betracht gezogen hat, dann auch tatsächlich passiert. Auf so was kann dich keiner vorbereiten, auch du selbst nicht. Ich erinnere mich an die Fesseln an meinen Handgelenken und dann an die zwei Soldaten, die kamen, um das Urteil zu vollstrecken – dachte ich. Das Camp war in unmittelbarer Nähe zur Grenze, die eigentlich für niemanden zu erkennen war. Ich wusste, auf der anderen Seite waren meine Leute, und ich wusste, sie konnten meine Hinrichtung nicht verhindern. So wie sie ausgerüstet waren, hätte das ihren eigenen Tod gekostet, und der hätte niemandem etwas gebracht. Einer der beiden Soldaten hat mir die Augen verbunden, von dem anderen habe ich noch die Pistole in seiner Hand gesehen, dann habe ich das Bewusstsein verloren. Als ich wieder aufgewacht bin, war ich auf der anderen Seite, bei meinen Leuten. Die haben meine Rückkehr gefeiert. Ich habe erst nicht kapiert was los ist. L. war bei mir, mein Partner, mit ihm hatte ich die ganze Sache eingefädelt. Irgendwas stimmte nicht mit ihm. Dann ist er damit rausgerückt. Dass er zu seinen Leuten zurück geht. Ich konnte nichts sagen. Das würde er nicht überleben; er musste das wissen. „Das ist der Deal.“, hat L. gesagt. Er ist losgerannt, und keiner von uns hat ihn aufgehalten. Dann fielen die Schüsse. Und das werde ich einfach nicht los, egal, wie oft sie mich belobigen, es macht mich verrückt.

Montag, 22. November 2010

Zivilcourage

Ich sitze beim türkischen Bäcker, trinke Espresso doppelt, und überlege, ob ich gerade mutig bin. Am Samstag war ich in einem Shopping Center; das fand ich mutig, weil ich Shopping Center hasse und vor allem unter so viel Menschen mit Gepäck auch immer Atemnot bekomme. Jetzt erfahre ich: Ich war genauso mutig, wie alle anderen, die da waren. Selbst die, die gern im Shopping Center sind, waren mutig. Noch mutiger wäre es, ginge ich zum nächsten Hertha-Heimspiel ins Olympiastadion. Oder wenn ich die Reichstagskuppel besichtigte. Es gefällt mir, wenn man mir sagt, ich sei mutig. Sinnvoll sind plötzlich auch Talk Shows, das war mir bisher nicht klar. Man kann schließlich nicht jedem persönlich eine Mail oder einen Brief schreiben, um ihm zu sagen, dass es nirgendwo eine heile Welt gibt. Meine Eltern finden die Welt schon heiler, seitdem der Russe mit unter dem Raketenschirm stehen will. Obwohl sie nicht verstehen, wo jetzt die Raketen herkommen sollen, wenn der Russe sie mit uns gemeinsam abwehrt. Meine Eltern finden es auch nicht gut, dass ich in Berlin lebe. Aber seit ihnen der Fernseher gesagt hat: Nirgends ist heile – hat der Terror eine völlig neue Dimension für sie erreicht. Und bei mir ist irgendwas im Hirn blockiert, weil ich mich einfach nicht erinnern kann, wann das mit dem Terror jetzt eigentlich angefangen hat, und warum. Klar ist nur, dass seit gestern viel weniger Menschen mutlos sind. Gerade haben sich hier beim Bäcker zwei Straßenrückbauarbeiter zu mir gesetzt. Wir haben uns die Hand gereicht und uns gegenseitig gratuliert. Draußen auf den Bürgersteigen umarmen sich die Menschen, weil sie so froh sind, dass sie sich trauen. Das wird ein schöner Tag. Sicher werde ich heute viele Menschen kennen lernen. Der Türke, die Straßenrückbauer und ich, wir bereiten gerade eine Petition vor, die Talk Shows verbieten will, weil Terror kann man schließlich nicht verbieten, „aber irgendwo muss man ja anfangen“, sagt der Türke, und die Rückbauer umarmen ihn, was ich echt schön finde.

Sonntag, 21. November 2010

Kinder und Bomben 3

Das Mädchen heißt Karin und sieht unserer Meinung nach komisch aus, weil wir wissen, dass ihre Eltern sehr viel weniger Geld haben als unsere, also unverhältnismäßig viel weniger, weil der Vater nicht arbeiten geht, was wir wiederum von unseren Eltern wissen. Karin hat geflochtene Zöpfe, und ihr Bruder hat eine richtige Hackfresse. Der ist immer dreckig, aber vielleicht ist das auch nur sein schmutzigbrauner Teint. Der kann mit Messern, heißt es, und dass er böse und brutal ist, und ich denke: Das liegt bestimmt an seiner Fresse. Wenn man so eine Fresse hat, bleibt einem nichts anderes übrig. Jedenfalls machen wir Karin eines morgens fertig, so ein Trupp von fünf, sechs Mann, sind aber auch Mädchen dabei. Erst sticheln wir nur, dann wird’s auch körperlich mit schubsen und stoßen und Ranzen wegnehmen, an den Zöpfen ziehen und so. Den Ranzen machen wir komplett leer, verstreuen die Sachen überall, aber nehmen tun wir nichts. Karin heult, und wir lachen. Alle anderen sehen zu. Dann rennt Karin los und schreit, dass sie ihren Bruder holt. Wenn sie mit dem Bruder zurückkommt, ist das ein Problem. Dann macht der Bruder wenigstens einen von uns fertig. Und wenn er sich mit einem begnügt, bin ich das bestimmt. Weil das meine Idee war, der Karin mitzuteilen, dass wir sie blöd und dumm und hässlich finden. Ich sage: Wir müssen weg. Der Trupp kapiert nicht. Das geht nicht, Weggehen, weil wir ja in die Schule müssen. Ist aber auch egal, weil ein Nachspiel mit Messern droht uns sowieso, egal wo. Nur, der Einzige, der sich nirgends blicken lässt, ist Karins Bruder.
Am nächsten Tag entschuldigen wir uns ganz offiziell bei Karin, auch weil unsere Eltern das so wollen, zu denen sich der Vorfall rumgesprochen hat. Natürlich glaubt meine Mutter mir, dass da so eine Art Notwehr irgendwie eskaliert ist, und die Karin selbst dran Schuld war. Natürlich ist das demütigend, sich bei einer wie der Karin zu entschuldigen, aber wenn da dann der Bruder von der Karin danebensteht, ist das natürlich auch genial, weil der dann nicht mehr einfach so mit seinem Messer auf einen los kann.

Samstag, 20. November 2010

JVA

Ich besuche Phil manchmal in der Justizvollzugsanstalt, und er behauptet, es ginge ihm jetzt deutlich besser. Früher war Phil mein Nachbar. Er hatte bei uns im Haus so eine Art Blumenladen, aber vor allem schnitzte er Schildkröten und Waldgeister. Dann musste er Insolvenz anmelden. Die Wohnung über dem Laden, in dem jetzt ein russischer Bäcker ist, konnte Phil behalten. Er hat bei Bahlsen Kekse verpackt, und dann hätte er doch umziehen müssen, damit sich das ausgeht finanziell, aber er hat lieber weniger gegessen. Als er noch seine Blumen und die Schnitzereien hatte, hatte Phil auch eine Freundin. Zumindest war da manchmal so eine Rothaarige, die ihn geküsst hat vor dem Laden. Ich habe ihn nie nach ihr gefragt, weil Phil und ich außer „Hallo, wie geht’s?“, nie viel miteinander geredet haben. Er ist halt immer dünner geworden, und je dünner er wurde, desto mehr hat er sich, glaube ich, geschämt. Er ist dann kaum noch aus dem Haus raus, oder hatte auch so einen komischen Gang, immer nah an den Häuserwänden lang, den Blick auf den Boden. Und seine Stimme wurde immer leiser, als wolle er lieber gar nicht mehr da sein. Ich glaube, er ist auch mit den Keksen nicht klargekommen, aber ihm war halt seine Umgebung wichtig. Aus der wollte er nicht weg, obwohl da eigentlich keiner war, wegen dem er hätte bleiben können. Heute sagt er auch, dass das mit Freunden eher schwierig für ihn war. Jedenfalls ist ihm dann die Wohnung gekündigt worden, weil er die Mieterhöhung nicht bezahlen konnte. Bei den Keksen gab’s für ihn auch keine Aufstiegschancen, „und was anderes gibt’s sowieso nicht für einen wie mich“, meinte Phil. Ich glaube, so hat er mir gegenüber angedeutet, was er vorhat, aber ich hab's nicht begriffen. Auf einmal ging er wieder aufrechter, und sein Blick war mehr so von der Sorte: Komm her, wenn du was von mir willst! Irgendwann hat er’s dann gemacht, sogar hier, in unserem Kiez. Manchmal weiß ich nicht, ob ich froh sein soll, dass ich da in der Bank nicht dabei war, oder ob’s vielleicht was geändert hätte, wenn ich dabei gewesen wäre. Alle denken, einer ist bescheuert, wenn der heute so in eine Bank geht, weil jedem klar ist, dass es da kaum noch was zu holen gibt. Phil hatte ein Messer dabei, mit Messern kennt er sich ja aus. Das hat er dann diesem widerlichen Bankangestellten mit dem Zopf und den Schuppen, der mir immer so schmierig was verkaufen will, dem hat Phil das Messer an den Hals gehalten, und dann kam alles so, wie Phil es sich vorgestellt hat. Bei der Verhandlung hat er das auch alles erzählt, obwohl sein Anwalt ihm davon abgeraten hat. Phil wollte nämlich Sicherheit, und deswegen wollte er ins Gefängnis. Weil es da warm ist, und er regelmäßig was zu essen kriegt, und weil man da auch nicht so allein ist. Wenn ich ihn jetzt besuche, ist der Phil wirklich glücklich, weil er wirklich Freunde im Knast gefunden hat. Ich dachte immer; im Knast ist Darwin, das überlebt so einer wie Phil nicht. Jetzt ist es sogar so, dass Phil da in einer Tischlerei arbeitet, und manchmal darf er auch einfach nur für sich was schnitzen, und er behauptet, seine Waldgeister wären von allen total begehrt, auch von den Vollzugsbediensteten. 

Donnerstag, 18. November 2010

Tatort Internet (Das Pjöngjang-Komplott – Teil 7)


Ich frage Karl-Theodor, wo er ist. „Afghanistan,“ sagt er, was bedeutet, die Verbindung bricht jeden Moment zusammen. Das ist ein Problem unserer Soldaten, die da unten unsere Sicherheit hier oben verteidigen: Sie können nicht telefonieren, zumindest nicht umsonst, und wenn doch, dann bricht die Leitung zusammen, oder aus der Heimat kommt nur Rauschen. Die Kollegen aus Kroatien, Belgien und Kanada bekommen sogar Internet umsonst. Die Übertragung für deren Heimatkontakt und die damit verbundene Pflege ihrer Moral funktioniert einwandfrei. Nur dürfen die Deutschen das Angebot der Verbündeten nicht nutzen. Und wenn sie einen Dienstapparat fürs Private missbrauchen, droht ihnen Zurückversetzung in die Heimat, einhergehend mit dem Verlust ihrer Einsatzmedaille. Das wäre doch ein echter Grund, ständig sämtliche Diensttelefone zu besetzen und zu privatisieren. „Willst du wirklich darüber mit mir sprechen?“ Karl-Theodor klingt angespannt. Ich bin irritiert, weil schon wieder die Belgier im Spiel sind. „Muss ich mir Sorgen um dich machen, Karl?“ „Du bist in Frankfurt, höre ich?“ „Hörst du, ja?“ „Ist Piotr noch bei dir?“ „Woher kennst du ihn? Ich meine, er ist mein Nachbar. Er gehört in die Schule. Warum schickst du mir einen 13-Jährigen als Reiseleiter?“ „Sieh zu, dass du da sofort verschwindest.“ „Was soll das? Ist wieder ein Heckenschütze unterwegs? Was willst du eigentlich von mir, Karl-Theodor?“ „Sofort, habe ich gesagt. Vertrau mir.“ Ich sehe es vor mir: Karl-Theodor verleiht mir den neuen Kämpfer-Orden, weil ich unter permanenter terroristischer Gewalt leide. Nur lässt sich so was schwer nachweisen. Man kann ja nicht einem ganzen Volk eine Gefechts-Medaille umhängen, zumal das Gefecht bisher ja immer nur angekündigt wird, zumindest hier oben – die Terrorreisenden sind unterwegs zu uns! Wir sind gefechtsbereit und eine Menge Menschen leiden unter Angst, was ja auch eine Art Gewalt ist. Aber so viele Medaillen und Orden haben sie nicht, die müssen ja auch etwas Besonderes bleiben. So wie dieser Schwarze, den sie in Indonesien ausgebildet haben, bevor er dann der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde, wofür sie ihm den Nobelpreis für Frieden verpasst haben. Nur Frieden bringt seine marode Wirtschaft auch nicht auf die Beine, also muss erst mal der Export der anderen beschränkt werden, die das nicht wollen und schon informiert der Mann uns freundlicherweise: Die Terrorreisenden sind unterwegs zu euch. Und schüren die Angst. Aber auch die Hoffnung, einen dieser neuen Kämpfer-Orden für sich abzugreifen. „Lenny?“ Fast hätte ich vergessen, dass Karl-Theodor mich Lenny nennt, wenn es ihm ernst wird. „Verschwinde. Sofort. Allein.“ Piotr bemerkt mich gar nicht. Sein Handy habe ich auch zurückgelassen. Ich stelle fest, ich bin auch ohne Apparat mit aller Welt verbunden. Kurt, mein afghanischer Sichherheitsbeauftragte im Steigenberger schickt eine Warnung an mich raus. Ich sehe die Lifttür aufgehen. Ein Kamerateam kommt raus, in ihrer Mitte eine blonde Frau in meinem Alter. Mir bricht der Schweiß aus. Stefanie. Vor ihr hat Karl-Theodor gewarnt. Er hatte Einsicht in ihren Einsatzplan. Offenbar ist sie mit ihrem Tatort Internet auf der Suche nach Piotr. Mit allem hätte ich gerechnet, aber nicht mit Stefanie. War eine stille Übereinkunft zwischen Karl und mir, dass sie keine Rolle bei uns spielt. Stefanie hat keine Ahnung, in was sie ihren Mann da reinzieht, dass sie die ganze Pjöngjang-Scheiße gefährdet. Ich fliehe durchs Treppenhaus, versuche Piotr zu erreichen, ohne Erfolg. Ich hoffe, er weiß, was zu tun ist. „Karl? Bist du da? Karl-Theodor!“ (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 17. November 2010

Jugendfrei (Das Pjöngjang-Komplott – Teil 6)

Die Haut unter meinem Tattoo ist nicht mehr entzündet. Piotr zappt sich durch das Fernsehprogramm und verweigert jegliche Auskunft über den Grund seiner Anwesenheit. Ich fühle mich nicht wohl in der Gegenwart eines 13-jährigen, dessen Mutter glaubt, er mache ein Praktikum. Ich bin keine Bank. Piotr beharrt darauf, mein Reiseleiter zu sein, mehr sagt er nicht. Er pustet sich die rote Locke aus der Stirn und sagt, ich soll mich entspannen. Vor zwei Tagen hat man noch auf ihn geschossen. Er weist mich darauf hin, dass es unten im Steigenberger Metropolitan ein Hamam gibt. Piotr will in der Suite bleiben. Ich nehme ihm das Versprechen ab, keinem die Tür zu öffnen, und um sicher zu gehen, bitte ich Kurt, unseren afghanischen Sicherheitsbeauftragten, er solle sich vor der Tür postieren. Im Hamam wähle ich einen Tellak aus, und ich spreche plötzlich türkisch. Er versucht das Feind-Bild von meinem Oberarm weg zu rubbeln, natürlich ohne Erfolg. Dann fragt er, woher die kleine, kreisrunde Wunde an meinem Kopf stammt. Vielleicht beherrsche ich doch kein Türkisch. Er nimmt meine rechte Hand und fährt mit einem meiner Finger über die Stelle. Okay. Keine Ahnung, woher die Scheiße stammt. Ich sehe eine Blutspur vor mir, aber das ist Tage her. Mein Tellak fängt an, mich zu massieren. Er versucht, meine Knochen auf dem heißen Marmor zu zermalmen. Dann steht er plötzlich auf meinem Arsch und reißt meine Arme nach hinten. Der Dampf macht mich schläfrig, und keine Ahnung wie spät es ist oder wie ich da hingekommen bin, als ich in einer Ruhekabine allmählich mein Bewusstsein zurückerlange. Mr. Sondersicherheit hält immer noch Wache vor unserer Suite, aber er zuckt entschuldigend mit den Schultern, als er mir öffnet. Piotr feiert eine Party, und wenn ich ihn richtig verstehe, sind seine Gäste allesamt Eiskunstläufer. Er stellt mir Mahbanoozadeh vor, den ich für einen Iraner halte, der aber angeblich aus Alexandria stammt, jedoch nicht Alexandria Ägypten, sondern aus Alexandria, Virginia, nur dass er mittlerweile in Great Falls, Missouri, lebt und auch trainiert, was mich weder interessiert noch mir erklärt, was all diese Eiskunstläufer in meiner Suite zu suchen haben. Piotr lacht. Sie wohnen nur auf dem selben Gang, meint er, irgendein Wettkampf, und ich denke, das ist kein Zufall, dass ein belgischer Eiskunstläufer mir als Stricher ein iPhone vertickt, das kollabiert, sobald ich es berühre, und plötzlich spreche ich Türkisch, und alles ist voller Eiskunstläufer. Als Piotr auf meinen Wunsch die Versammlung auflöst, sehe ich, wie er noch heimlich etwas mit diesem Mahbanoozadeh austauscht. Dann fläzt er sich aufs Sofa, startet das jugendfreie Bezahlfernsehen, wirft mir sein Handy zu und sagt, ich solle Karl-Theodor zurückrufen. Ich mache die Tür zum Schlafzimmer zu, und Karl-Theodor sagt, dass es ihm leid tut. Egal, denke ich, weil ich eh keine Ahnung habe, worauf er das bezieht und wo ich jetzt anfangen soll. (Fortsetzung folgt)

Dienstag, 16. November 2010

iPhone (Das Pjöngjang-Komplott - Teil 5)

Die schwarze American Express nimmt ihren Dienst auf. Kein Limit. Das iPhone wollen sie mir ohne Vertrag nicht geben. Für einen Vertrag brauche ich eine Adresse, und damit meint das weltweit agierende Telekommunikationsunternehmen keine Hotel-Anschrift. Hier schlängeln sich Nutten und Dealer zwischen Juwelieren und Bankern durchs Überleben. Ich wünschte, ich könnte Piotr irgendwo parken. Ich lasse die Schwarze zwischen meinen Fingern hin- und herwandern. Es dauert keine drei Minuten bis ein Belgier mich anspricht und sich um meine Bedürfnisse kümmert. Er reicht mir bis zur Schulter. Mein Blickfeld erweitert sich um eine zusätzliche Ebene: Kevin van der Perren, ehemaliger Eiskunstläufer leuchtet es vor meinen Augen auf. Er bietet nicht nur Telefone an, was er trotz Piotr, der davon nichts mitbekommt, klar zum Ausdruck bringt. Wahrscheinlich träumt er davon, mit einem Dreier Geld zu machen. Ich zahle den Eiskunstläufer bar, natürlich nur für’s Telefon, inklusive der Einrichtung. Der Belgier bedankt sich fürs Geschäft. Ich traue ihm nicht. Piotr ist hier nicht sicher. Hinter der nächsten Ecke wartet garantiert ein belgischer Hehler- und Zuhälterring; ich werde also sterben, denke ich, aber hinter der nächsten Ecke wartet lediglich afghanischer Mohn auf seine Endabnehmer. Ein Mann in schwarzem Anzug mit Funkgerät, wahrscheinlich aus Afghanistan, hält uns die Tür zum Steigenberger Metropolitan auf. Er fragt nach unserem Gepäck, meiner ID, meinem Wagen. Die Schwarze macht selbst eine ID vergessen. Für die Schwarze braucht man nicht mal einen Namen. Er nimmt meinen Koffer und sagt, er sei auch für meine Sicherheit oder Sonderwünsche zuständig. Wir sollen ihn Kurt nennen. Kurt blinzelt. Ich verschließe die Tür zu unserer Suite, nachdem Herr Sondersicherheit mir erklärt hat, wie ich ihn jederzeit erreichen kann. Ich nehme das iPhone, um zu überprüfen, ob alles und jeder sofort erreichbar ist. Der Wiedergabebildschirm flammt auf und kollabiert. Das Gehäuse brennt in meiner Hand. Ich lasse es fallen, halte die Hand unter kaltes Wasser, das aus einer goldenen Armatur fließt. Zwei Waschbecken und im Spiegel ein Whirlpool. Keine Ahnung, wie das Netz in meinen Kopf kommt. Ich bin das iPhone. Nummern, Adressen, Bilder, Wegweiser, alles verbindet sich unabhängig von mir. Sobald ich das eigentliche Gerät berühre, ist Kurzschluss. Ich will ausstecken. Ich habe keine Ahnung, wie das geht. (Fortsetzung folgt)

Montag, 15. November 2010

Kinder und Bomben 2 (Aus den Tagebüchern des Walter Amok)


Obwohl hier im Kiez keine Migranten erwünscht sind, kaufen die Menschen gern bei Vietnamesen ein. Aber die gehen dann nach Ladenschluss nach Hause. Und obwohl keine Migranten erwünscht sind, schließen sich hier lauter Kinder und Jugendliche aus Schweden, Spanien, Kanada und Pittsburgh zu Gangs zusammen. Zum Beispiel Das Patriotische Band, das sind die 9-13 Jährigen. Ihre Gruppentreffen finden häufig in meiner Küche statt, weil Einar, ihr Anführer, mein Nachhilfeschüler ist. Seine Eltern entlöhnen mich überdurchschnittlich, dafür musste ich eine Schweigeverpflichtung unterzeichnen. Sie schämen sich für die Hilfsbedürftigkeit ihres Sohnes, dabei benötigt Einar gar keine Nachhilfe, schon gar nicht in Physik. Er spielt seinem Lehrer und den Eltern nur gern etwas vor, um sich mehr Freiraum zu verschaffen. Für letzten Samstag hatte Einar für Das Patriotische Band eine Chorprobe angesetzt.

Ich hatt’ einen Kameraden,

Einen bessern findst du nit.

Die Trommel schlug zum Streite,

Er ging an meiner Seite

In gleichem Schritt und Tritt.

Eine Kugel kam geflogen,

Gilt's mir oder gilt es dir?

Ihn hat es weggerissen,

Er liegt mir vor den Füßen,

Als wär's ein Stück von mir.


Will mir die Hand noch reichen,

Derweil ich eben lad.

Kann dir die Hand nicht geben,

Bleib du im ew'gen Leben

Mein guter Kamerad! 
Auf meinem Küchentisch stand ein Chemiebaukasten. „Wir bauen keine Bomben“, versicherte mir Einar. Er ist im Stimmbruch und hat nicht mitgesungen. Am Sonntag, also gestern, saßen die vom Patriotischen Band hier überall auf den Straßen und Spielplätzen, immer nur einer allein, und jeder hat das Lied gesungen. Das Lied wurde einfach immer weitergetragen, wie ein Kanon, weil wirklich an jeder Ecke einer hockte, die schwarze Kapuze seiner Kutte des Patriotischen Bandes über die Stirn gezogen. Selbst Einar hat gesungen. Alle hielten ihn für einen Aufrührer, wegen dem Stimmbruch, und überhaupt regten sich alle Eltern im Kiez über diese Kinder auf, und Einars Vater hat sogar auf den Einar eingeprügelt. Er kommt aus Norwegen, und wusste nicht, dass dieses Lied gesungen wird, wenn unser Volk zusammen trauert. 

Sonntag, 14. November 2010

Taipei 101


Bloß weil man nichts von Algorithmen versteht, heißt das nicht, dass man keiner ist. Ich zum Beispiel bin sehr viele Algorithmen. Ich arbeite ständig auf Lösungen zu, selbst wenn ich das Problem gar nicht kenne. Kürzlich habe ich herausgefunden, dass man nicht einfach jemanden lieben kann, wenn man sich nicht selbst liebt. Ich war in Taipeh bei einer Büroeinweihung, und eine der Büroangestellten meines Freundes hat mich darauf gebracht. Sie war der Meinung, ich liebe mich nicht, was ich ziemlich anmaßend fand; schließlich war das mein erster Besuch in Taipeh. Um mich versöhnlich zu stimmen, hat Chen Wei Yi mich eingeladen, nach der Büroeröffnung mit zu ihrer Hochzeit zu kommen. So was gibt’s wahrscheinlich nur in Asien, dass man nach der Arbeit noch heiratet. Es waren enttäuschend wenig Gäste in ihrer Wohnung, einen Bräutigam gab es auch nicht, denn Chen Wei Yi heiratete sich selbst. Weil man sich eben selbst lieben soll, und das muss man sich und allen anderen auch erst einmal beweisen, also hat sie sich selbst geheiratet und dann mit ihrer Mutter die Hochzeitstorte angeschnitten. Davon habe ich ein Foto gemacht, obwohl ich sonst nie Fotos mit meinem Handy mache, und obwohl ich ja viele Algorithmen bin, habe ich keine Ahnung, wie ich dieses Foto hochladen soll. Es war ja auch Chens Algorithmus, der auf die Lösung mit der Selbsthochzeit gekommen ist, und ich weiß nicht, ob es eine Lösung wäre, meine Mutter zu meiner Hochzeit mit mir selbst einzuladen. In Taipeh hat mein Freund mir vorgeschlagen, ich solle Chen Wei Yi heiraten, aber die wollte sich nicht von sich scheiden lassen und war ja auch der Überzeugung, ich liebe mich nicht. Das Büro meines Freundes ist im Taipei Financial Center, das ist 508 Meter hoch und mein Freund hat den 84. Stock angemietet, um eine Pferde-Zeitschrift herauszubringen. Ich weiß nicht, wie seine Algorithmen ihn auf so was gebracht haben. Wahrscheinlich war es der Typ, wegen dem er mich verlassen hat. Der ist Taiwanese und erklärt mir gerade, dass 75% der Taiwanesen Schwule mögen. Da ich kein Taiwanese aber ein Algorithmus bin, komme ich zu der Lösung, ihn aus dem Fenster zu werfen, aber im 84. Stock kann man die Fenster nicht öffnen und die Scheiben sind aus Sicherheitsglas. Offenbar ist auf Algorithmen kein Verlass mehr. Was wenn ich mich wirklich nicht liebe? Dann habe ich laut Chen Wei Yi auch meinen Freund nie geliebt, der vielleicht nur deshalb nicht mehr mein Freund sondern mein Ex-Freund ist, der plötzlich mit einem Taiwanesen rummacht und Pferde-Zeitschriften veröffentlicht. Aber er ist stolz auf mich, weil ich für ihn meine Höhenangst überwinde. Sein Taiwanesenfreund holt Tee und mein Ex-Freund nutzt das aus. Er fragt, ob ich nicht bleiben möchte. Er will, dass ich für seine Zeitschrift arbeite. Aber weder Taiwan, noch ich, noch sonst irgendwelche Algorithmen finden, dass das die Lösung meines Problems ist. Ich habe kein Problem. Ich liebe mich. Ehrlich. Ich stürze mich aus dem 84. Stock des Taipei 101 und unterwegs denke ich: Bis jetzt lief’s doch ganz gut; bis jetzt lief’s doch ganz gut. Aber entscheidend ist nicht der Fall. Entscheidend ist die Landung.

Samstag, 13. November 2010

Kinder und Bomben (Aus den Tagebüchern des Walter Amok)

Die Sache mit den öffentlichen Mülleimern hört nicht auf. Mein Freund Günther sagt; man ist nirgends mehr sicher, weil die Dinger jetzt alle gleichzeitig explodieren, und die vom Ordnungsamt kommen gar nicht mehr zur Parkraumüberwachung, weil sie ständig die Trümmer und den Müll von den Straßen auflesen müssen. Und den Bullen fiel wieder nichts Besseres ein, als Günther zu verdächtigen, weil er ja Terror heißt, und nach mir haben sie ihn auch wieder gefragt. Mein Name ist Amok. Walter Amok. Ich war mal Integrationsbeauftragter, jetzt haben sie mich beim Amt für Ordnung abgelehnt. Dabei hätte ich auch gern so eine blaue Uniform mit Leuchtweste für die Nacht. Ich begleite Günther trotzdem, aber lediglich als Zivilist, und ich wundere mich, warum noch niemand von den herumfliegenden Mülleimern verletzt wurde. Stattdessen wurde eine 72-jährige Gehbehinderte von einem Kinderwagen am Kopf getroffen. Das mag daran liegen, dass in dieser Gegend die Kinderwagen wie die Mülleimer an Laternenpfähle oder Straßenschilder gekettet werden. Aus Sorge, bzw. als Vorsorge, meint Günther. Die Anzahl der Diebstähle ist drastisch gestiegen. Ich finde es eigenartig, dass die Kinder aus den Wagen entfernt werden, bevor man dann die Wagen klaut. Deswegen liegen hier überall Kleinkinder auf den Bürgersteigen und in den Rinnsteinen. Mit so einem Kind ist doch viel mehr Kohle zu machen, als mit einem Gebrauchtwagen, zum Beispiel im Adoptivgeschäft, mit Schwulen und anderen Unfruchtbaren. Andererseits ist das gut, dass die Kinder aus den Wagen entfernt werden, weil dann die Wagen, die explodieren, ohne die Kinder explodieren, und es wäre noch unschöner, wäre die 72-Jährige Gehbehinderte von einem Kleinkind, statt dem Wagen des Kleinkinds, niedergestreckt worden. Günther Terror behauptet, es gebe in diesem Kiez demnächst eine Mutterraumüberwachung. Das war ja auch die Stelle, auf die ich mich beworben habe, aber noch bleiben die Mütter hier unbehelligt und stellen ihre Kinder ab, wo es ihnen gerade passt. Auch die Japan-Noten wollten mich nicht haben, obwohl ihnen der Name Amok gefällt. Ich bin zu alt, sagen sie. Die Japan-Noten ist eine marodierende Bande von Kindern zwischen 5 und 8 Jahren. Um Mitglied werden zu können, müssen die Eltern einen zwingen, in der Freizeit Japanisch und außerdem ein Instrument zu lernen. Eine 6-Jährige, offenbar die Anführerin, geht man von den Narben auf ihrer Stirn aus, erklärt mir, dass Noten die schriftliche Aufzeichnung eines Tones sind. Sie will wissen, ob ich schon mal probiert habe, eine Minute „Lebendiger Beckenboden“ aufzuzeichnen, und ich werde das Gefühl nicht los, dass diese Japan-Noten etwas mit den Explosionen zu tun haben. Die Anführerin lächelt, und das ist das erste Mal, dass jemand keine Angst vor mir hat, sieht man mal von Günther Terror ab, aber der fürchtet sich vor niemandem, behauptet er.

Freitag, 12. November 2010

Der Heckenschütze – (Das Pjöngjang-Komplott – Teil 4)

Piotr grinst immer noch, als er mich durch die Bahnhofshalle lotst. Ich will wissen, was er hier zu suchen hat. Er zuckt nur mit den Schultern und sagt: „Heute Morgen, also ich will zur Schule, wie jeden Morgen. Ich klemme mir mein Board unter den Arm, und Mama ruft mir noch hinterher: Nicht mit dem Skateboard! Aber da bin ich schon raus. Ich weiß, sie kommt nicht hinterher. Ist mehr ein Spiel zwischen ihr und mir: Mach’s, mach’s nicht – auf jeden Fall: Alles wie immer. Dann stehe ich vor dem Schultor, sehe einen himmelblauen Wagen anrollen, getönte Windschutzscheibe, und dann weiß ich nicht, ob es nur ein einzelner Schuss ist, oder ob da einer eine ganze Ladung Kugeln sprayt. Trifft mich überm Herz. Ich falle auf mein Deck und denke: Bitte mach, dass mein Deck nicht kaputt ist. Sofort ist klar, das überlebe ich nicht. Fühlt sich weich an und warm. Aber ich wehre mich. Weil ich noch was loswerden will. Aber ich habe keine Ahnung was. Das ist Schwachsinn, dass dein Leben vor dir abläuft, wenn du stirbst. Ich suche nur nach etwas, das mir wichtig ist, das ich noch sagen will. Deshalb blättere ich durch mich durch. Aber das ist schon alles von mir abgekoppelt, also bedeutungslos. Ist okay, dass ich jetzt sterbe, denke ich. Tut nicht weh. Ich hätte nur gern noch was gesagt. Aber dann ist Dunkel, und ich bin mittendurch. Na ja, und dann war wieder hell, und sie sagen, ich hätte den Schuss nur gehört. Oder die Schüsse. Das war dieser Heckenschütze, der eigentlich nur auf Dunkelhäutige schießt, und ich bin ja nun eindeutig rothaarig, also hellhäutig. Das können sie sich auch nicht erklären. Jedenfalls bin ich wirklich auf mein Deck gefallen, und da gab es Kurzschluss, also im Deck oder in meinem Gehirn, weil ich ja draufgefallen bin. Und dann haben sie mich hierher gebracht und gesagt, ich soll auf dich warten und dir sagen: Dein Flug wurde gecancelt. Ich bin also quasi so was wie dein Flugbegleiter, wenn du willst. Nur dass wir noch nicht fliegen.“ Ich drücke die 2 für Karl-Theodor. Endlich geht er ran und sagt: „Nicht jetzt.“ Ich will trotzdem wissen, woher er Piotr kennt. „Wer ist Piotr?“, fragt Karl-Theodor; eigentlich bellt er mehr, der Herr zu, bevor er mir dann winselnd verspricht, sich später zurückzumelden. Ich erinnere mich an diesen Bahnhof. Nach der Wende haben sich in den Untertunnelungen junge Männer aus dem Osten hingestellt, und welche aus dem Westen haben sie abgeholt, um ihnen eine Übernachtung alles inklusive anzubieten. Und haben sich dann darüber aufgeregt, dass man denen erst alles zeigen müsste. Piotrs Mutter meldet sich schon nach dem zweiten Freizeichen. Ich frage, ob ich Piotr sprechen kann. Sie sagt, er wäre in Frankfurt, wegen irgendeinem Praktikum. „Seit wann machen 13-jährige ein Praktikum und dann noch fern von zu Hause?“ „Sagen Sie’s mir“, sagt sie, und dann sagt sie noch: „Ist besser, wenn Piotr aus der Stadt raus ist, solange der Heckenschütze frei rumläuft.“ „Und jetzt?“ Piotr. „Keine Ahnung.“ Saß ich wirklich zwei Tage in einem Zug von Berlin nach Frankfurt? Ich werfe mein Handy weg. Ich brauche eins, das nicht von jedem abgehört wird. (Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 11. November 2010

Intelligenztest


Mein Intelligenzquotient beträgt 94. Das ist absolutes Mittelmaß. Dementsprechend ist mein Leben mittelmäßig. Dieses Mittelmaß ist erkennbar an meinem Einkommen, meiner Familie, sowie meinen physischen und sozialen Fähigkeiten. Meine Freunde sind nicht mittelmäßig, was mich veranlasst zu glauben, dass sie sich nur mit mir abgeben, um sich stets ihrer Unmittlemäßigkeit bewusst sein zu können. Andererseits reicht mein IQ 94 durchaus aus, um übermitttelmäßig gut zu blenden. Ich bin dann z.B. schlagfertig und präsentiere Meinung, allerdings ohne Hintergrundinformation. Ich tue selbstbewusst, und weil keiner ahnt, wie furchtsam mich meine Mittelmäßigkeit macht, denken alle, ich bin arrogant. Untermittelmäßig ist mein Gedächtnis. Früher dachte ich, das liegt am übermittelmäßigen Konsum von Gras, doch dann fiel mir auf, dass auch mein Vater, meine Mutter und meine Schwester sich nie richtig an etwas erinnern können. Meine Mutter allerdings ist sich dessen nicht bewusst und wird sehr wild und aggressiv, wenn man plötzlich einmal selbst glaubt, sich an etwas zu erinnern. Weil die Erinnerung dann bestimmt nicht mit ihrer übereinstimmt, und dann behauptet sie, ich habe schon immer zu viel Phantasie gehabt. Schenkt man meiner Mutter Glauben, würde das bedeuten, mein Phantasiequotient liegt weit über 94, ist also mehr als mittelmäßig und läuft meiner Intelligenz den Rang ab. Die Frage ist, warum Mittelmaß einem Angst machen soll. Schließlich ist das eine sichere Mehrheit, mit der man da ist. Mich erschreckt, dass Mittelmäßigkeit die Verbindung zwischen mir und meiner Familie herstellt. Komme ich nicht über 94 hinaus, weil meine Gene das so wollen? Ich will nicht meine Mutter sein, und mein Vater will ich auch nicht sein, und damit hat 94 überhaupt nichts zu tun. Aber weil ich sie als mittelmäßig erlebe und sehe, wie sie sich ein Leben lang für ihre Mittelmäßigkeit geschämt haben, schäme ich mich eben auch. Aber das hat mit den Genen nichts zu tun, hoffe ich. Für Gene kann man sich schließlich nicht schämen, oder? Seit zwei Wochen esse ich täglich eine genmanipulierte Gurke. Es ist nicht so, dass ich das Gefühl habe, eine Gurke zu werden. Es ist viel besser, größer. Ich entwickele Fähigkeiten und Kräfte, die mich von meinem bisherigen Leben mehr und mehr isolieren. Noch kann ich nicht sagen, wo das hinführt. Gerade explodiert ein orangener Mülleimer, der eben noch an einem Laternenpfahl hing, und fliegt 20 Meter durch die Luft. Mal sehen, wo uns das hinführt.

Mittwoch, 10. November 2010

Schwerverbrecher; Michel Friedmann

Gestern Abend. Michel Friedmann darf zwar im Öffentlich Rechtlichen Fernsehen nicht mehr angestellt sein, aber als Gast darf er auftreten, und so hat er gestern die Gelegenheit genutzt, uns über Schwerverbrecher zu belehren. Zweckdienliches Beispiel sind ihm Demonstranten im Wendland, die schottern. Er sagt, Schotterer sind Schwerverbrecher, nicht nur, weil Schottern verboten ist, sondern weil sie in Kauf nehmen, dass sie nicht entdeckt werden und somit dafür sorgen könnten, dass die Castor-Behälter in der Tat von den Gleisen kippen und in der Folge eben jene Millionen töten, die die Demonstranten, also die Verbrecher, ja eigentlich zu schützen vorgeben. Wie immer war Michel Friedmann vehement und wurde für seine Definition des Schwerverbrechers vehement beklatscht. Ich nehme an, es war keine Live-Sendung, also wurde wohl der Teil rausgeschnitten, in dem Michel Friedmann sich wahrscheinlich ebenso vehement für die Todesstrafe für Schwerverbrecher ausspricht. Sein Rechts- bzw. Unrechtsbewusstsein ist Leitbild, oder sollte es ein, denkt er wohl. Was für eine Art Verbrechen stellt nun Kokainbesitz im Verbund mit billig erstandenem Sexspielzeug aus der Ukraine dar? In Michel Friedmanns Fall waren das Frauen, die sich illegal in Deutschland aufhielten und das sicher nicht zum Spaß, oder weil Michel Friedmann so ein großartiger Stecher ist, wenn er sich mit Koks aufpumpt. Aus seiner Sicht ein Kavaliersdelikt, das entsprechend mit einer Geldstrafe abgehandelt wurde. Michel Friedmann kennt sich trotzdem aus mit Schwerverbrechern. Obwohl es offensichtlich war, dass er von den Redakteuren der Lanz-Talk-Show als Rolle besetzt und entsprechend instruiert wurde. Was bedeutet, dass Michel Friedmann eigentlich nur noch ein Markenwürstchen ist, dem gesagt wird, wie er wann und wo welche Meinung in seiner unnachahmlichen Art zum Besten geben soll. Und sich dann nach getaner Arbeit die Schecks für das erbärmliche Schauspiel seiner Empörung abholen darf. 

Dienstag, 9. November 2010

American Express (Das Pjöngjang-Komplott - Teil 3)

Ich fliege von Frankfurt aus, nur muss ich nach Frankfurt mit der Bahn, und das ist nicht sicher in diesen Zeiten. Keine Ahnung, wie ich in den Zug gekommen bin. Ich habe seit 72 Stunden nicht geschlafen, und die Dinge passieren mehr mit mir, als dass ich noch irgendetwas mache. Ich schließe die Toilettentür; ein Kind fängt an zu brüllen; der Zug taumelt. Ich durchsuche ein Portemonnaie, das ich in meiner Brusttasche gefunden habe und das mich irgendwie an Karl-Theodor, zumindest an seinen miesen Geschmack, erinnert. Lauter Geld, lauter Kreditkarten. Ich ziehe eine schwarze American Express raus, schließe die Augen und lese: 4239. Dann höre ich eine Stimme in meinem Kopf: Wir begrüßen Sie bei American Express. Herzlichen Glückwunsch. Mit unserer Schwarzen leisten Sie sich ein Leben ohne Limit. Ich öffne die Augen, die Karte ist noch da. Außerdem eine ID. Ich blicke in den Spiegel. Ich blicke auf das Foto. Ich untersuche meinen Daumen. Kein Name, keine Ähnlichkeit. Jemand schlägt gegen die Tür. Wieder brüllt das Kind. Ich ziehe Papiertücher aus einem Schlitz, um die Klinke nicht berühren zu müssen. „Entschuldigung“, sage ich, oder vielleicht ist es die Mutter, die das sagt. Vielleicht ist es nicht die Mutter des kleinen Jungen, der brüllt. Noch zwei Stunden bis zur Ankunft. Ob es auch etwas zu trinken gibt, frage ich und bekomme erst Bier, dann Whiskey und später Wasser. Um mich herum leuchten aufgeklappte Bildschirme die Fressen meiner Mitfahrer an. Die Polster riechen nach Wurstsuppe, die Spezialität der Woche. Mein Gegenüber bestellt Salat à la Chef. Ich lächele, sie lächelt zurück. In ihren Augen spiegelt sich eine PowerPoint-Präsentation. Ich schätze ihr Alter auf 35. Oder 14. Ich warte ihre kulinarische Abfertigung nicht ab. Die Zugbegleitung kündigt den nächsten Bahnhof an. Aus Versehen halten wir auf einem Durchfahrtsgleis zwischen den Bahnsteigen. Die Zugbegleitung entschuldigt sich. Der Zugführer berät sich mit der Zentrale. Um mich herum schwitzen die Fahrgäste. Einige lachen mit zugeschnürter Kehle. Jeder erwartet die Kollision mit einem durchfahrenden Zug. Die Zugbegleitung spricht von einem Ort, den wir anfahren, obwohl er nicht auf der Reiseroute liegt. Dort wird der Zugführer in den Triebwagen am anderen Endes des Zuges wechseln, den Triebkopf aktivieren, um dann einen Bahnsteig am vorherigen Zielbahnhof anzufahren, und angeblich werden wir von dort aus die Reise mit abermals gewechseltem, neu aktiviertem Triebkopf in die vorgesehene Richtung fortsetzen. Der Platz neben mir wird von einer holländischen Eisschnellläuferin mit Redebedürfnis besetzt. Sie wurde vom holländischen Verband nicht für Olympia nominiert, weil sie zum kasachischen Verband gewechselt ist und von den Kasachen eingebürgert wurde. Bei Olympia durfte sie aber auch nicht für Kasachstan starten, weil die Einbürgerung keine zwei Jahre zurück lag. Zurück in den Niederlanden hat sie nur einen kasachischen Pass aber kein Visum. Zwei Monate später wird sie nach Kasachstan ausgewiesen. Aha. Möglicherweise wird dieser Zug über Kasachstan umgeleitet. Als ich aufwache, sind wir schon da. Am Bahnsteig erwartet Piotr mich. Das ist beängstigend. Er grinst, und ich fange an zu schwitzen. (Fortsetzung folgt)

Montag, 8. November 2010

Die neusten Umfragen

Politiker und Parteien ermitteln alle 15 Minuten ihren Umfragewert und vermelden die Ergebnisse als Erfolg einer Politik, die so tut, als richte sie sich nach den Umfragewerten, so dass am Ende niemand mehr weiß, was war zuerst da – die Politik oder die Werte. Neuerdings sind die Bürger – das sind all jene, die keine Politiker sind, denn Politiker sind die, die von den Bürgern reden und sich nie selbst damit meinen – also wir Bürger sind aufgefordert, täglich unsere Beliebtheit zu ermitteln. Mich hat gestern mein Job nicht gewählt und meine Frau auch nicht, dafür aber die Kinder meiner Nachbarn. Na gut. Wenn ich also will, dass mich mein Job oder wenigstens meine Frau will, muss ich was ändern. Zunächst mal bräuchte ich eine Frau. Keine Ahnung, was ich mit der dann anfangen soll, also sorge ich lieber dafür, dass mein Job mich wählt. Ich bin Objektschützer und schütze die Objekte berühmter Persönlichkeiten. Eigentlich will ich Bundespräsident werden, also kommt mir das gerade recht, dass ich laut Umfragewert für meinen derzeitigen Job ungeeignet bin, weil ich mich jetzt ganz aufs Präsidentenamt konzentrieren kann. Ich habe mich schon immer gefragt, wie das mit den Bildern abläuft, wie die verschickt und ausgetauscht werden. In jeder deutschen Botschaft, in jedem deutschen Konsulat auf der Welt hängt ein Portrait des Bundespräsidenten. Was ist also jüngst mit den Köhler-Gemälden passiert? Werden die irgendwo zentral gelagert oder einzeln vor Ort entsorgt? Und sind das Originale vom Fließband oder Reproduktionen? Und könnte man von jeweils einheimischen Künstlern nicht den Köhler in einen Wulff übermalen lassen? Jedenfalls haben mich die Kinder meiner Nachbarn heute schon wieder gewählt. Ich lasse mich gerade von ihnen portraitieren. Vielleicht werde ich mich während meiner ersten Amtszeit auch von ihnen beraten lassen. Oder sie missbrauchen. Je nach dem, was bei den Bürgern gerade Quote macht.

Sonntag, 7. November 2010

Ministerium für Familie (Das Pjöngjang-Komplott Teil 2)


Der Sohn meiner Nachbarin heißt Piotr, ist dreizehn Jahre alt, hockt auf den Stufen im Treppenhaus und bietet mir eine Kippe an. Er kann nicht glauben, dass ich aufgehört habe, zündet sich eine an, und ich frage, wie sein Tag war, weil sein rechtes Auge zugeschwollen und violett verfärbt ist. Piotr erzählt mir von einer Frau Schröder, die angeblich für Familien zuständig ist und seine Schule besucht hat. Von Piotr wollte sie wissen, ob er wegen seinen Eltern Probleme mit den deutschen Mitschülern hat. Piotr hat nicht verstanden, was sie meint, und daraufhin hat sie seine Mitschüler gefragt, wer denn überhaupt Deutscher ist, und als Piotr sich auch gemeldet hat, hat sie gesagt, dass er sich nicht melden darf und sich dann sehr besorgt über die Verständigungsprobleme gezeigt. Dann, sagt Piotr, hat die Frau Schröder den Mädchen erklärt, dass die nicht glauben dürfen, dass Mädchen sich grundsätzlich unterwerfen, auch nicht beim Sex, weil wenn das so wäre, hätte Gott ja gewollt, dass die Fortpflanzung ein Akt der Unterwerfung wäre. Und den Jungs hat die Frau Schröder erklärt, dass sie nicht schuld daran sind, wenn sie zu Machos werden, was aber nicht heißen soll, dass es gut ist, dass sie Machos sind. Schuld ist der Lehrplan, hat die Frau Schröder gesagt, weil in den Diktaten immer nur von Ponys und Schmetterlingen die Rede ist und nie vom Fußball, was wiederum die Schuld der Lehrerinnen ist und nicht die der Jungs. Alle mussten klatschen, aber dann ging die Schulsirene los, und die Frau Schröder hat nicht begriffen, dass das keine Übung war. „Auf jeden Fall ist bei uns der Erste Weltkrieg ausgebrochen.“, sagt Piotr und zieht an seiner Zigarette. „Der Hausmeister hat im Keller einen Lungenkampfstoff freigesetzt, und sie mussten die ganze Schule evakuieren, aber ich konnte nicht einfach nach Hause; du weißt ja, Mama ist Alkoholistin; die gerät außer Kontrolle wenn nicht alles nach Plan abläuft.“ Piotr ist mit seinen Freunden in den Park gegangen, wo Piotrs bester Freund Paul von den Zellen des Feuers geschwärmt hat, und dann wollte er, dass sie auch eine Verschwörung der Zellen des Feuers gründen. Pauls Eltern sind bei den Zeugen Jehovas, aber Paul hasst diese Zeugen, behauptet Piotr, weil Paul sich sicher ist, dass er nie zu den Auserwählten gehören wird, die mit in den Himmel dürfen. Also zünden sie unter Pauls Führung den Briefkasten der Zeugen an und setzen dabei gleich noch den Hausflur mit in Brand. Piotr schüttelt den Kopf. „Ich fand das nicht in Ordnung.“, meint er, und dass er die Feuerwehr gerufen hat, während die anderen geflüchtet sind. Ich wundere mich, wie man am helllichten Tag unbehelligt ein Haus anzünden kann. Piotr findet das auch komisch; er denkt, dass es vielleicht mit dem Ersten Weltkrieg zu tun hat, weil alle mit dem beschäftigt waren. Der erklärt aber auch nicht Piotrs blaues Auge. Er lacht nur und fragt, wie denn mein Tag war und wo ich mit dem Koffer hin will. Ich kann ihm schlecht von Karl-Theodor und Pjöngjang erzählen, also zeige ich ihm das Tattoo auf meinem Oberarm. Piotr will wissen, warum ich mir die Zeichen für „Feind“ habe tätowieren lassen. Warum kann ein 13-jähriger koreanische Schriftzeichen entziffern? „Egal“, sagt Piotr und wünscht mir einen guten Flug. Ich habe ihm gegenüber nie einen Flug erwähnt. (Fortsetzung folgt)

Samstag, 6. November 2010

Karl-Theodor und das Pjöngjang-Komplott


Heute morgen. Ich wache auf, weil meine Schulter schmerzt. Ich entdecke das Tattoo. Die Haut hat sich entzündet. Ich habe keine Ahnung, wie die koreanischen Schriftzeichen auf meinen Oberarm gekommen sind. Was mich wirklich beunruhigt, ist das Blut vor meinem Bett und die Blutspur, die sich Richtung Bad zieht. Ich rufe Karl-Theodor auf dem Westplateau an, weil ich wissen will, wie ich mich verhalten soll, aber alles was ich höre, sind die Panzerhaubitzen, die angeblich nicht auf den Black Hawk schießen, der Karl-Theodor zurück nach Kabul bringt, weil Karl-Theodor angeblich längst wieder auf dem Franz-Josef-Strauß gelandet ist. Aber er drückt mich andauernd weg und davon werde ich das Blut in meiner Wohnung auch nicht los. Mein Neffe hat davon geträumt als Hubschrauber-Mechaniker in Einsatzgebiete vorzudringen, aber angeblich ist er zu schwer, oder hat von Hubschraubermechanik keine Ahnung, jedenfalls ist an einen Einsatz nicht zu denken. Da kann ich mir bei Karl-Theodor den Mund fusselig reden. Im Moment ist mir mein Neffe scheißegal, weil hier überall dieses Blut ist, und auf meinem Arm steht: 적 – das bedeutet: Feind. Ich habe Kim ein Foto geschickt, die hat die Zeichen übersetzt und gesagt: „Das sieht dir ähnlich. Du bist einfach immer negativ.“ Fragt sich nur, mit was für einer Nadel sie das Feindbild in mich reingestochen haben. Wahrscheinlich bin ich jetzt eher positiv, aber daran hat Kim kein Interesse, auch nicht als ich ihr sage, dass auf meinem Schreibtisch ein Visum für Nordkorea, ausgestellt auf meinen Namen, liegt und zufälligerweise weder mit Blut beschmiert ist noch irgendwas mit Karl-Theodor zu tun hat. Zumindest bilde ich mir das ein. Endlich schaffe ich es, unbeobachtet aus der Wohnung raus zu kommen. Draußen fällt mir auf, dass ich hier gar nicht wohne, dass das nicht meine Wohnung war, und dann fällt mir ein, dass Karl-Theodor sehr wohl von Nordkorea gesprochen hat, und zwar so, wie er niemals mit mir darüber hätte sprechen dürfen. Der Scheißkerl geht einfach nicht ans Telefon, aber ich habe den Geruch seines Haaröls in der Nase und das beruhigt mich, zumindest vorübergehend. Natürlich wird er wissen wollen, was heute Nacht passiert ist, und natürlich sollte ich anfangen, mir darüber Gedanken zu machen. Aber wenn du dich an nichts erinnern kannst, kannst du denken so viel du willst, das bringt dich auch nicht mehr dahin zurück, wo du wohlmöglich mal gewesen bist. Zum Beispiel in einen Schlafsack, den Karl-Theodor auf dem Westplateau zusammenrollt, während er versucht, dir koreanisch beizubringen, was er auch nur dank seines Implantats beherrscht. Darüber haben wir oft gestritten, das Implantat. Mir auch eins zu verschaffen, bedeutet für ihn schon Korruption, aber schließlich fliege ich für ihn auch nach Pjöngjang, und er geht immer noch nicht ran, und ich habe keine Ahnung, was mich da erwartet, ob die da schon auf mich warten. (Fortsetzung folgt)

Freitag, 5. November 2010

Aus den Tagebüchern des Walter Amok - Der Integrationsbeauftragte



Mein Name ist Amok. Walter Amok. Ich nehme den Hörer ab. „ Amok. Wer ist da?“, frage ich, und ein Deutscher, der irgendwie auch Türke ist, oder umgekehrt, sagt: „Ich ficke deine Mutter, Alter. Ich weiß, wo du wohnst.“ Ich weise den jungen Mann darauf hin, dass es besser für ihn wäre, zu wissen, wo meine Mutter wohnt. Schließlich wolle er ja sie und nicht mich ficken. Es kommt selten einer darauf, dass ich derzeit Integrationsbeauftragter bin, was auch an meinem Namen liegt, der irgendwie unpassend erscheint, allerdings nicht so unpassend wie der meines Freundes Günther. Der heißt Günther Terror und ist Briefträger, was ihm momentan eine Menge Ärger einbringt. Ich jedenfalls bin Amok und mache mich jetzt auf den Weg nach Indien, um dort die Integration voranzutreiben. In Indien gibt es bereits ganze Städte, in denen man besser Deutsch spricht. Deutsche Firmen produzieren in Indien billig ihre Exportschlager und versprechen den Indern eine rosige Zukunft, sofern die bereit sind, sich zu integrieren. Ich inspiziere die Deutschkurse des Goethe-Instituts, die sich die Inder nur leisten können, wenn sie hungern oder ihre Körper an potente Kunden verkaufen. Das klappt gut, weil das dann die Deutschen sind, die mit ihren Firmen mitgeschickt wurden und die sich ja auch irgendwie integrieren müssen. Körperkontakt ist in Indien ohnehin nicht zu vermeiden. Ich wäre zufrieden mit den gegenseitigen Bemühungen, wenn sich in meinem Magen nicht eine amoklaufende Armee von Bakterien eingenistet hätte. Im Flugzeug, das mich zum Goethe-Institut nach Rabat in Marokko bringt, müssen sie mir eine Infusion legen, und in Rabat hat niemand Mitleid mit Walter Amok, weil alle auf die Hilfe ihres Integrationsbeauftragten angewiesen sind. Die Goethe-Mitarbeiter weigern sich nämlich, Kontakt zur marokkanischen Bevölkerung aufzunehmen, weil die ihnen irgendwie fremd erscheint. Sie verbringen ihre Freizeit lieber in den Salons ihrer Kollegen, schlürfen Weißwein und Cocktails und hoffen, dass Walter Amok das Problem mit dem Golfplatz klärt. Da stimmt irgendetwas mit den Öffnungszeiten nicht, und die Caddies sind alle Marokkaner. Ich bin entsetzt und verspreche Abhilfe, fliege aber bereits weiter nach Dublin, um mich dort mit deutschen Kulturschaffenden zu treffen, die zur irischen Buchmesse, Schwerpunkt Deutschland, eingeladen wurden. Ihre Anwesenheit beglückt vor allem die ansässigen Deutschen in Dublin. Die gehen sich untereinander längst auf die Nerven und sind froh über die Abwechslung durch neue Bekanntschaften, weil ja ansonsten lediglich Iren in Dublin vorzufinden sind, die sie irgendwie als anders und unangenehm empfinden. Ich lade in ein uriges Lokal mit einheimischer Kost, Belegschaft und Gästen ein. Um mich herum versammelt sich die kulturelle Elite meiner Nation und amüsiert sich köstlich über die Bedienung, das Essen und die Sitten, auch wenn der Spaß beim Essen aufhört, weil man die Speisen in diesem Zustand nicht gewohnt ist, und man sich einfach nicht verständlich machen kann, als man gewisse Dinge so haben will, wie man sie von zu Hause gewohnt ist, was ja das gute Recht jeden Gastes ist, wie meine Mitbürger meinen. Wieder zu Hause leuchtet Günther Terror mit seiner Taschenlampe in ein Auto. Er arbeitet jetzt beim Ordnungsamt, Abteilung Parkraumüberwachung. Ich begleite ihn auf seiner Patrouille und frage mich, was eigentlich aus meiner Mutter und ihrem türkischen Liebhaber geworden ist, als plötzlich eine der Familienlimousinen explodiert. Darauf waren wir an diesem Abend überhaupt nicht vorbereitet. 

Donnerstag, 4. November 2010

Flutkatastrophe

Weil die Flut kommt, stürmt meine Nachbarin mit ihrem Mann in den Keller, um ihre Waschmaschine zu retten; aber dann steigt das Wasser derart schnell, dass sie da unten nicht mehr rauskommen und sie ertrinken mit der Waschmaschine in ihren Armen. Sie hätten in ihrer Wohnung bleiben sollen; sie wohnen im 4. Stock, mir gegenüber, haben immer ihre Schuhe vor die Tür gestellt, auf ein extra Türschränkchen. Haben mich um Erlaubnis gefragt, ob mich das stören würde, das Schränkchen vor der Tür. Auf ihrer Fußmatte leuchtete eine Sonnenblume neben einem Kirchturm. Am Sonntag kam sie manchmal klingeln, wenn sie frischen Zwetschgenkuchen gebacken hatte; die Zwetschgen hatte der Mann vom Baum geholt in ihrem Garten, obwohl er kaum noch die Leiter hochkam. Die Treppe war auch schwierig für ihn, der 4. Stock, hat sich aber nie was anmerken lassen, immer gelächelt, wenn man ihm auf der Treppe begegnet ist, hat angehalten, nach Luft geschnappt und freundlich einen ‚Guten Tag’ gewünscht. Vielleicht haben sie an meine Tür geklopft, als das Wasser kam. Vielleicht haben sie geklopft und wollten mich warnen; vielleicht wollten sie mich bitten, ihnen bei der Rettung der Waschmaschine zu helfen. Ich frage mich, wo ich war, als das Wasser stieg. Wo war ich, als die Warnsignale alles und jeden erreichten? Kann sein, dass ich einer von denen war, die auf der Brücke standen und halfen, den Pegel zu messen. Kann sein, dass ich im Dunkeln in meiner Wohnung hockte, die Kopfhörer und Mozarts Requiem in den Ohren. Kann sein, dass ich nicht vor Ort war, in irgendeiner Kneipe, hunderte Kilometer entfernt auf einen Fernseher starrte, während eine abgewichste Nutte sich erfolglos an meinem Schwanz abarbeitete. War keine drei Wochen her, dass ich die Anzeige geschaltet hatte: 10 000 Euro für die Frau, die meine Homosexualität heilt. Die wenigsten, die sich meldeten, waren Nutten, aber die Nutten, so vermutete ich, wussten wenigstens, worum es ging, egal, wie abgewichst sie waren. Für einen 10 000 Euro-Fick würden sie ihre Trickkisten öffnen, alles überbieten, was ihre Memoiren bisher hergaben. Ich erlebte dennoch keine Überraschungen. Lustig waren einige der Unprofessionellen. Frauen als Missionarinnen, die vom Teufel sprachen, als sie meine Finger versuchten mit ihrem Geschlecht vertraut zu machen. Oder Frauen, die unter ihren Mänteln nackt waren und sobald sie auf mir saßen, Gespräche über Investitionsmöglichkeiten anfingen, nur um herauszufinden, ob da mehr als 10 000 herauszuholen waren. Und das waren die, die zu jeder Zeit auf jede Nutte dieser Welt gespuckt hätten. Ganz schlimm waren die, die Mitleid hatten. Das waren die, die einsam waren, die alles getan hätten, Sachen, auf die Nutten oder Bankerinnen nie gekommen wären. Meine Nachbarn wunderten sich nicht, als einige der Kandidatinnen direkt bei mir zu Hause vorsprachen. Sie waren froh, dass ich endlich Initiative ergriff. Am liebsten hätten sie die Wahl getroffen. Anfangs dachte ich, sie würden sich empören, aber sie kamen nie auf die Idee, ich könnte ein ‚Schwerenöter’ sein, wie sie es dann genannt hätten. Vielleicht lag es daran, dass sie wussten, dass ich nicht länger schwul sein wollte. Obwohl sie mir das sowieso nie geglaubt haben, glaube ich. Männer standen jedenfalls nie vor meiner Tür. Vielleicht dachten meine Nachbarn, ich wollte sie schockieren, die alten Leute auf die Probe stellen, mich auf diese Weise ihrer sonntäglichen Besuche erwehren. Ich glaube, je näher man den Menschen räumlich kommt, desto weniger bedeuten Vorurteile. Auch wenn jede Gewaltstatistik das widerlegt. Als die Flut kam, als sie mich gebraucht hätten, war ich jedenfalls nicht da, soweit ich mich erinnere.