Freitag, 31. Dezember 2010

Die Porno-Boxerin


Alle reden immer von den Füchsen und Wildschweinen, die in die Stadt ziehen. Niemand redet von der eskimoischen Volksgruppe, die jetzt auch allmählich hier ankommt. Vor allem Kinder. Die sehen sehr verwirrt aus, wegen der elektrischen Lichter zum Beispiel. Ein 14-jähriger Eskimojunge hat gestern einen La Bomba-Böller, den er aus Tschechien mitgebracht hat, in seiner Hand gezündet. Im Fernsehen haben sie das mit einer Schweinepfote nachgestellt, damit man einen Eindruck davon bekommt, wie die Hand des Eskimos jetzt aussieht. Ich wundere mich, warum ein Eskimo über die Tschechei bei uns einwandert, aber noch mehr wundere ich mich über Nele, die ich zwar nicht mag, aber mit der ich immer wieder Kaffee trinken muss, wegen irgendwas, das mal in der Vergangenheit war mit uns, weswegen ich mich ihr gegenüber zu irgendwas verpflichtet fühle. Nele ist jetzt Pussy-Light-Operator. Sie leuchtet die Muschis bei Pornos aus, für die Nahaufnahmen zum Beispiel. Sie sagt das so, als wäre es was Besonderes, also nicke ich respektvoll, weil sie endlich was aus ihrem Leben macht. Dann will sie mir weismachen, dass 2011 zum ersten Mal Para-Oscars vergeben werden sollen. Das ist so was wie die Paralympischen Spiele für Film. Also da werden dann behinderte Filmschaffende ausgezeichnet. Es geht auch darum, dass Rollen von Behinderten wegen der politischen Korrektheit demnächst nur noch von Behinderten gespielt werden sollen, die auch so eine Behinderung haben, um die es geht. Das bedeutet zum Beispiel, Daniel Day Lewis hätte nie einen Oscar für „Mein linker Fuß“ bekommen, weil er gar nicht mitgespielt hätte. Ich verstehe nicht, warum ein Pussy-Light-Operator sich Hoffnung auf einen Para-Oscar macht, aber Neles Augen flirren so irre hin und her, dass ich lieber nicht nachfrage. Richtig schlimm wird es, als sie mir ein Drehbuch mit dem Titel „Die Porno-Boxerin“ zuschiebt. Ich soll das für sie lesen und ihr dann ganz ehrlich sagen, was ich davon halte. Ich bin nur froh, dass sie nicht Sylvester mit mir verbringen will, obwohl Sylvester sowieso total schlimm wird. Heute morgen musste ich Brot kaufen für ein Fest, wo jeder was mitbringen muss und ich eben das Brot. Im Kaiser’s gab es eigentlich schon um 8 Uhr morgens kaum noch Brot. Aber alle Mitarbeiter hatten lustige Tierhüte auf dem Kopf und es wurde fröhliche Musik gespielt. Außerdem hat sich am Brotstand ein Typ neben mich gedrängelt, nur im T-Shirt, obwohl es ja kalt war. Der war irgendwie noch total verdrogt und hatte noch gar nicht geschlafen. Einen Kopf kleiner als ich war der und rempelt mich an und ich: Ehj, rempel mich nicht an, Arschloch. Und er zieht mich am Ärmel von der Brottheke weg, weil er raus will mit mir, um mir da aufs Maul zu geben. Zuerst wimmere ich ein bisschen, weil ich kein Schläger bin und klar ist, dass er mir wehtun wird, aber draußen kommen wir irgendwie so zum Stehen, dass ich ihm mein Knie von unten in die Eier rammen kann. Er krümmt sich total und ich trete ihn einfach um, und dann spucke ich ihn noch an. Das Problem war, es gab dann kein Brot mehr, als ich zurück bin, und ich kann ja schlecht auf eine Mitbring-Party gehen, wenn ich nichts mitbringe. Ich hasse Sylvester, das war schon immer so, und egal wo ich hinkomme, sagen sie: Brot musst du vorher bestellen. Gerade bin ich wieder auf eine Gruppe von Eskimos getroffen und habe entschieden, dass ich mich denen anschließe. Weil das auch viel interessanter ist, so ein Fest mit Mitgliedern einer anderen Kultur zu verbringen. 

Donnerstag, 30. Dezember 2010

Auch russische Nigger haben Gefühle


Auf dem Alexanderplatz führt ein schwarzer Rastanigger seine Gruppe an und spricht Russisch. Er findet die Bierhütte toll, aber der Rest der Buden wird schon abgebaut; das findet er überhaupt nicht toll. Ich finde global endgültig scheiße, als ein Armenier meinen Bauch als Abstandshalter bezeichnet. Ich habe ganz andere Möglichkeiten Abstand zu halten. Zum Beispiel: Emotionaler Sperrbezirk. Ich fühle dann nichts mehr. Gefühle sind scheiße, findet meine Gruppe. Ich bin in mehreren Gruppen. Weil Gefühle sich auch ändern können. Manchmal werden sie langsamer. Also man weiß, was man jetzt fühlen müsste, aber fühlt es nicht, denkt aber andauernd an das Gefühl, das da jetzt eigentlich sein müsste, und irgendwann ist es da, nur dass man dann manchmal gar nicht mehr weiß, warum man das jetzt gerade fühlt, weil der Anlass ja gar nicht mehr gegeben ist. Und dann denkt man an den Anlass zurück, der schon so weit weg ist, dass das Gefühl auch gleich wieder weg ist. Zum Beispiel. Es gibt auch welche, die bestrafen sich, sobald sie was fühlen. Sie trainieren sich so Angst vor Strafe an und fühlen deswegen dann irgendwann nichts mehr. Wobei ich finde, dass Angst ja auch ein Gefühl ist. Meine Familie hat Angst vor Russen. Ich glaube nicht, dass sie auch Angst vor schwarzen Rastaniggern, die russisch sprechen, hätten. Das wäre zu viel für sie. Aber vor normalen schwarzen Rastaniggern hätten sie bestimmt auch Angst. Mein Vater hat erst Angst, seitdem er stirbt. Das geht jetzt seit fünfzehn Jahren so, und er lebt immer noch. Mich fragt er dann jedes Mal, ob ich finde, dass es sich für ihn noch lohnt. Er glaubt, sein Anblick erweckt unangenehme Gefühle. Dabei habe ich zu Hause gar keine. Ich fand seinen Anblick als er gesund war viel schlimmer. Obwohl er da nie über Gefühle geredet hätte, was ja auch seinen Vorteil hatte. Manchmal denke ich, Menschen mögen Hunde, weil die fühlen, aber nicht darüber reden. Und auch nichts sagen, wenn man selbst andauernd über die Gefühle seines Hundes spricht. Menschen können Hunde auch viel besser analysieren als sie Menschen analysieren können. Es gibt hier eine Frau, die könnte im Stehen ihren Kopf auf meinen Abstandshalter legen. Sie hat eine Dogge. Die kann im Stehen mit der Zunge über den Hals der Frau lecken. Ich frage mich jedes Mal, warum sie den Hund nicht sattelt und reitet. Das Komische ist, dass sie sich unglaublich toll vorkommt mit ihrem Hund. Als würde sie tatsächlich darauf reiten. Und wenn der Hund an der Leine artig neben ihr her geht, dann ist klar, dass das Teil einer Verabredung ist. Draußen tut der Hund so, als hätte die Frau die Kontrolle. Aber sobald sie in der Wohnung sind, ändert sich das. Ich glaube nicht, dass die Frau über die Gefühle spricht, die sie in der Wohnung mit ihrer Dogge auslebt. Ich weiß nicht, ob kotzen auch ein Gefühl ist, aber manchmal denke ich, jetzt sollte ich kotzen und tue es dann doch nicht. Ich sage dem Armenier, dass ich nur einen Bauch habe, wenn ich Gemüse gegessen habe, aber das ist dem Armenier total egal, also kotze ich doch noch, weil ich mich ja irgendwie verständlich machen muss.

Mittwoch, 29. Dezember 2010

München in Flammen


Gestern war ich in München. Ich habe es kaum wiedererkannt. Bedient wurde ich auch nirgends. Ich wollte trotzdem eine Wohnung anmieten, aber das einzige Objekt, das mich interessierte, war das Foyer des ehemaligen französischen Konsulats. Alles war aus Marmor und rotem Plüsch und unbezahlbar, wie sich herausstellte. Zu meiner Verblüffung wurde das Objekt dann an einen vermietet, der Bürsten aus einem Koffer raus verkauft. Zum Schuhe wichsen und so. Später habe ich mich mit einem Freund getroffen, dem das offensichtlich lästig war, sich mit mir zu treffen. Das Geschäft, das ich abzuschließen gedachte, haben wir jedenfalls nicht abgeschlossen. Auffällig war, dass das Café, in dem wir uns treffen wollten, zumachte, als wir kamen. Der ganze Platz wurde geräumt. Niemanden schien das zu stören. Mein Freund verwies mich an eine Kollegin von ihm und ist dann auch verschwunden. Sämtliche Mitarbeiter der Ladengeschäfte am Platz wirkten in ihren Aufräum- und Säuberungsarbeiten sehr konzentriert. Vielleicht regelt der Terror hier die Schließzeiten, dachte ich. Dann dachte ich wieder an meinen Freund, den ich kaum eine viertel Stunde gesehen hatte, und da fiel mir auf, was hier in München allen gemein war, auch meinem Freund, der herkunftstechnisch gar nicht aus München kam: Sie alle schämten sich. Zuerst wusste ich nicht, wofür, aber die ganze Atmosphäre roch nach Schuld. Das war auch der Grund, warum alle alles sofort beflissen räumten, sobald es dunkel wurde. Sie fühlten sich schuldig. Die ganze Stadt drohte daran zu ersticken. Das Irre war, dass sie mit ihrer Schuld in Vorkasse traten, denn das, wofür sie die Schuld übernahmen, war noch gar nicht eingetreten. Ich bin nicht sicher, ob ich der Einzige war, der das bemerkte. Sie ignorierten mich. Zwar gab es da ein Gefühl von Zusammenhalt unter ihnen, aber gleichzeitig schien jedem klar zu sein: Am Ende bin ich doch allein, auch in München. Ich war ein Fremder, der zusehen musste, wo er blieb. Um mich konnten sie sich nicht auch noch kümmern. Über Nacht fand ich Unterschlupf in einer Kellerbar, weil die Hotels nach Einbruch der Dunkelheit keine unangemeldeten Gäste mehr aufnahmen, und meinen Freund anrufen, um ihn zu fragen, ob ich bei ihm übernachten könne, wollte ich nicht. In der Bar gab es kaum Licht. Es wurde auch getanzt, obwohl die Musik viel zu leise war. Das Publikum, sofern man es überhaupt erkennen konnte, war sehr jung. Plötzlich begann eine Performance, und man wurde Teil einer Aufführung, bei der sich die Lichtverhältnisse aber nicht änderten. Ich habe nicht verstanden, worum es ging. Es gab viel Bewegung und Geraune. Die Show ging höchstens zwanzig Minuten, und danach war alles wie vorher. Es hat auch niemand applaudiert. Dafür, dass alle so jung sind, wirken sie wie tot, dachte ich und wollte nur noch raus. Keine Ahnung, wie ich es zum Bahnhof geschafft habe. Jetzt, da ich endlich in einem Zug Richtung Berlin sitze, höre ich: Es war der letzte Zug, der München verlassen konnte. Ich habe eine Vorahnung, die ich mich belastet. Ich bin sicher, morgen werden die Zeitungen mit einem Bild aus München titeln und irgendwas auf diesem Bild wird in Flammen stehen.

Dienstag, 28. Dezember 2010

Hello Kitty fickt Miss Barbie

Das Kind bekommt einen pinkfarbenen VW-Käfer-Cabrio. In dem sitzt eine Barbie, die hat sich rote Strähnchen machen lassen, sonst ist sie blond. Auf dem Käfer klebt ein Aufkleber: Hello Kitty. Ich frage, warum die Barbie Kitty heißt, aber die Barbie heißt nicht Kitty, sondern Barbie. Das Auto heißt auch nicht Kitty. Sonst würde nämlich ziemlich viel Kitty heißen, weil Hello Kitty eine Katze ist, neben der dann Hello Kitty geschrieben steht, und das kann auf einem Auto sein, oder auf Bettwäsche oder sonst wo. Das Verdeck von dem Käfer lässt sich nicht schließen, weil es eine Attrappe ist. Ich frage das Kind, wie das Spiel geht, das es damit spielen wird. Das Kind ist noch mit den High Heels der Barbie beschäftigt. Der Wagen ist kein Automatik. Irgendwann schiebt das Kind den Kitty-Käfer mit der Barbie durch die Wohnung und sagt: „Guck. So spiele ich damit.“ Ich erinnere mich an eine Barbie in einer Hochzeitskutsche, zu der Pferde mit rosaner- oder türkisener Mähne gehören. Die hat das Kind letztes Jahr neben sich her gezogen. Ich erinnere mich an Big Jeff und Big Jim in einem Wohnmobil, das mir mein Großvater zu Weihnachten geschenkt hat. Big Jim und Big Jeff hatten viele Muskeln. Die Bizeps haben richtig angespannt, wenn man den Arm eingeknickt hat. Big Jeff und Big Jim waren kleiner als Barbie. Auch wenn meine Barbie keine High Heels hatte, war sie einfach einen Kopf größer als die beiden. Ich habe immer Ficken mit den Figuren gespielt. Also Big Jim hat Barbie gefickt, und dann hat Barbie Big Jeff gefickt. Dann haben Big Jeff und Big Jim zusammen Barbie gefickt, und irgendwann haben dann nur noch Big Jeff und Big Jim miteinander gefickt. Ein Schulfreund hatte Dr. Steel, der hatte Narben im Gesicht, eine Glatze, eine Hand aus Stahl und auf die Brust war ein Drachen tätowiert. Dr. Steel hat immer erst Barbie und dann Big Jim und danach Big Jeff vergewaltigt. Big Jeff hat dabei einmal seinen Kopf verloren. Man konnte das reparieren, aber danach konnte Big Jeff seinen Kopf nicht mehr bewegen. Ich wollte nicht mehr mit dem Schulfreund befreundet sein, und nachdem das klar war, hörten auch die Vergewaltigungen auf. Der ehemalige Schulfreund hat dann auf einmal auch Torpedo Fist gehabt und ist mit dem überall anders zum Spielen hingegangen, aber das war mir egal. 

Montag, 27. Dezember 2010

Türken sind Hunde


Es gibt jetzt viel mehr Hunde hier als früher, sagen sie zu Hause. Sie sagen, es gibt jetzt vor allem Türkische, die sind von Haus aus bissig. Und außerdem Asiaten, die haben ein komisches Gesicht und sind unterwürfig. Ich gehe auf einmal ganz anders durch den Wald. Schnee wird nur an den ungeraden Tagen gekehrt. An geraden Tagen kehrt der Nachbar, ein Doktor Daum, der ist neu und hat zwei Töchter. Unten, die Frau Radwicki, deren Mann war Psychologe, aber der ist gestorben, und sie ist auch schon 85. Die kann nicht zu Hause sein, die hat tausend Verwandte, also brauchen wir gar nicht erst gucken, ob wir ihr das Päckchen bringen können, das wir für sie angenommen haben. Man muss sonst auch mindestens eine viertel Stunde mit der reden. In dem Haus, wo früher die Kropfs drin gewohnt haben, wohnen jetzt auch andere. Die haben sich auch nicht vorgestellt, aber sie haben drei Kinder, die sind 5, 4 und ein ¾  Jahr alt. Die hört man natürlich, genauso wie den Irren aus dem Mietshaus, der immer das Küchenfenster auf hat. Sonst ist alles wie immer. Ich fege den Schnee von der Rollbahn, weil der Vater sonst nicht mit dem Rollator seine Bahnen gehen kann. Er sagt, das macht ihm immer noch Spaß, auch das Mitzählen, obwohl er sich immer verzählt. Ansonsten macht ihm eigentlich nichts mehr Spaß. Wenn er Geld hätte, würde er abhauen. Ich frage mich, ob ich einen mitnehmen würde, der mit seinem Rollator an der Autobahnauffahrt steht und den Daumen raus hält. Meine Mutter wäre bestimmt auch froh, wenn sie sich mal nicht mehr kümmern müsste. Aber sie hat auch Angst davor, was kommt, wenn sie dann auf sich zurückgeworfen ist. Weil da ja nichts ist wegen ihm. Da drehen sie sich irgendwie im Kreis. Nächstes Jahr ist Goldene Hochzeit. Dann vergisst mein Vater zum 50. Mal seinen Hochzeitstag. Vielleicht, weil er davor schon mal verheiratet war. Meiner Mutter tun die Rehe im Wald leid, weil die nichts zum Fressen finden. Die dürfen im Winter auch nicht von Hunden gejagt werden, weil die Rehe sich nicht bewegen sollen. Sonst verlieren sie zu viel Fett und verhungern erst recht. Der Hund meiner Mutter ist sowieso zu langsam für die Rehe. Der Hirschrücken am Mittag ist trocken und auch ein bisschen zottelig, wie meine Mutter das nennt. Da hat man so Zeugs im Mund, das man nicht kauen kann. Mein Vater schluckt’s einfach runter. Ich spucke es lieber aus. Das geht jedes Jahr so mit dem Wild. Letztes Jahr ist die Rehkeule misslungen. Es gibt auch keinen bei uns, der das besonders gerne isst oder irgendwie vermissen würde. Dafür vermisst meine Mutter die Krippe, die ich nicht aufbauen wollte. Die Krippe erinnert meine Mutter an ihre Eltern. Später finde ich noch eine Silberplatte in einem Köfferchen, in dem ich früher die Kleidung für meinen Teddy und meine Barbie aufbewahrt habe. Meine Mutter vermutet, dass sie das Silber da versteckt hat. Wir streiten darüber, wem es jetzt gehört. Mit meiner Mutter kann man nicht streiten, weil sie immer Recht hat. Jetzt habe ich eine Silberplatte und muss rausfinden, was die wert ist.

Freitag, 24. Dezember 2010

Heilig Abend

Sie haben mir Weihnacht injiziert. Meine Mutter spricht immer noch kein koreanisch. Mein Vater weidet den Hirsch aus. Der MAD schmückt den Baum. Karl-Theodor stellt die Krippe auf. Ich schlucke Wasser. Frohe Weihnacht.

Donnerstag, 23. Dezember 2010

Truppentransporte


Karl-Theodor hat unzählige Einstiche an Armen und Füßen. Der totale Junkie. Die Belgier wollen, dass wir aus ihrer Pommes-Bude verschwinden. Karl-Theodor schleift einen Koffer mit Spritzbestecken der Bundeswehr hinter sich her. Die ganze Stadt scheint heute auf Morphium zu sein. Am Flughafen laufen die Fluggäste trotzdem Amok, heißt es. Die, die fliehen können, stürmen den Bahnhof, und vor unserem Hotel stehen schwarze Limousinen, die da nicht hin gehören. Karl-Theodor braucht eine Pause. Ich lade die Kennzeichen hoch und meine Befürchtung bestätigt sich. Der MAD erwartet uns. Ich mache keine gute Figur mit einem mit Heroin vollgepumpten Verteidigungsminister unter meinem Arm. Zum Ausweichen ist es zu spät. Ich wünschte, ich hätte mich doch für meine neue Basis im Skype entschieden. Da hätten sie mich nicht so leicht erwischt. Die Abschirmdienstler steuern auf uns zu. Karl-Theodor weiß selbst nicht, wie uns geschieht. Ich höre nur noch „Sabotage“ und „Zersetzung“, dann wird es schwarz vor meinen Augen. Einer der Geheim-Mutanten Karl-Theodors hat mir einen Sack über den Kopf gestülpt. Ich rieche Stephanies Parfüm an ihm. Hat sie Verfügungsgewalt über den MAD? Dann bin ich erledigt. Keine Ahnung, was mit Karl-Theodor geschieht. Ich werde in die Zentrale nach Köln abgeschoben. Jemand krempelt meinen Ärmel hoch, bindet mir den Arm ab. Zwei andere halten mich. Ich habe keine Chance, spüre den Einstich und dämmere weg. Denke noch, dass es Tage dauern wird, bis ich mein Bewusstsein wieder steuern werde. Das gehört zu ihrem Plan. Ich bin ihre Weihnachtsunterhaltung. Waterboarding statt Skifahren. Ich hatte ernshaft an ein gemeinsames Fest mit Karl-Theodor geglaubt. Und jetzt kann ich nicht mal sagen, wann es mir wieder möglich sein wird, mich hier zu melden. Ob ich da überhaupt wieder heil raus kommen werde.
Während der Sickerübung im Tierpark hatte Nelly vier Schwule, die trotz Kälte in der Nähe der Klappen cruisten, unschädlich gemacht. Thomas war zufrieden. Nelly war erschöpft. Sie hoffte insgeheim auf eine Belohnung. Dass Thomas über die Feiertage mit ihr ihre Wohnung beziehen würde. Stattdessen sagte Thomas: „Abmarsch.“ Ihre Reise begann. Das Ziel war Stuttgart, der Dreikönigsball, und am Dreikönigstag wollte Thomas Nelly den Kopf von Guido Garcia Westerwelle bringen. Oder sie ihm. Aber jetzt sollte sie, ohne aufzufallen, im Tarnanzug zu Fuß nach Baden-Württtemberg marschieren, mit einem 20 Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken. Diese Weihnacht würde Nelly wohl nie vergessen. Von allem abgetrennt, musste sie Thomas vertrauen, der sie opfern würde, sollte sie die Mission auch nur einen Augenblick gefährden. Sie musste stark sein. Sie würde nicht versagen. Im Notfall wusste sie sogar, wie man Stacheldraht zu einer Antenne fürs Funkgerät umfunktionierte. Doch vorerst hatte Thomas das Funkgerät, und es war klar, dass er zu niemandem den Kontakt suchen würde, auch nicht an den Feiertagen. „Es wird so sein, als gebe es mich gar nicht.“, sagte Nelly. „Das wolltest du doch, oder nicht?“ Thomas lächelte. Nelly wusste nicht, ob er sie mit diesem Lächeln verspottete, oder ob er sie damit ermutigen wollte. Schon war er in der Dunkelheit verschwunden. Nelly folgte ihm. Sie hatte nichts mehr zu verlieren.
Walter Amok war auf dem Weg zu seinen Eltern. Drei Tage würde er dort von der Außenwelt abgeschnitten sein. Es war, als würde Staffels Welt aufhören, sich zu drehen. Man konnte nur hoffen, dass es irgendwann wieder weiterging. Walter hoffte, dass es für ihn dann nicht zu spät war. Der Nächste, der ‚Frohes Fest’ zu ihm sagen würde, hätte keine Chance, es zu überleben. Wenigstens so viel war klar. Werner Amok grinste. Frohes Fest!

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Das Ei der Kanzlerin


Ein Mann schreit die Parkraumüberwacher an, dass er jetzt wirklich genug hat. Er ist vielleicht 35, hat einen Sieben-Tage-Bart und fährt BMW. Der steht vor der Grundschule, und der Mann gestikuliert bedrohlich, weil er erst wegen der Umwelt eine grüne Plakette kaufen musste, und plötzlich soll er auch noch Parkgebühr bezahlen. Er verlangt von den Ordnungshütern zu erfahren, was sie sich noch alles einfallen lassen wollen, um ihn zu peinigen. Er hat die Schnauze voll, sagt er. „Da bringe ich einmal meine Kinder zur Schule, und schon tauchen Sie auf!“ Eine Oma schiebt ihren Rollator über den Schnee. Ein Hund leckt Streusalz. Ein Pakraumüberwacher geht zu Boden. Wo feiert Guido Garcia Westerwelle? Hat sich Karl-Theodor zu Guttenberg von den Schussverletzungen, die seine Töchter ihm zugefügt haben, erholt? Gebiert die Kanzlerin am Ende ihrer Karriere ein Ei oder eine Birne? Ein Hubschrauber verunfallt mit einem Feuerwehrwagen, der im Kreis fährt. Nur Kinder werden verletzt. Das Karussell ist im Arsch. Auf einer Tastatur befinden sich mehr Keime als auf einer Klobrille. Die Oma mit Rollator muss eine Pause machen, bevor sie die Straße überqueren kann. Dann übersieht der aufgebrachte Vater in seinem BMW die Oma, die Straße überquert, weil unter all dem Schnee die Zebrastreifen nicht mehr zu erkennen sind. Mit so einem Ende hatte die Oma nicht gerechnet. Da bringe ich einmal meine Kinder zur Schule! Vor meinem Fenster stürzt ein Iglu ein. Eine Freundin hat eine Panikattacke, weil sie am Abend mit dem Zug fahren muss. Vor Jahren hatte ich ein weihnachtliches Gefühl, als im Coffee-Shop einer Mall eine Rod Stewart-CD abgespielt wurde. Jetzt spiele ich diese CD jedes Jahr zu Weihnachten bei den Eltern ab. Da stellen sich andere Gefühle ein. Dieses Jahr sind meine Eltern eingeschneit. Es gibt keinen Baum, heißt es. Ich bekomme eine Panikattacke, weil ich am Donnerstag mit dem Zug fahren muss. Am Tresen stand gestern Abend Gabi. Sie ist möglicherweise lesbisch und trainiert eine Mädchen-Rudermannschaft. Sie erinnert sich auch immer genau daran, auf welchem Platz man das letzte Mal in der Perle saß. Man sitzt da sehr schlecht in diesem Etablissement. In einem Souterrain werden unnütze Gegenstände für den täglichen Bedarf verkauft. Es werden auch Vorträge über die Herkunft des Porzellans eines handbemalten Kerzenständers gehalten. Die Kerzen sind natürlich durchgefärbt. Jemand übergibt sich zwischen den Buden des Wochenmarkts. Sieht aus wie Linsensuppe mit Schweinebauch. Der Kassierer vom Nahkauf hat seit fünf Jahren dieselbe Frisur, aber seine Haut ist grauer geworden, und sein Gesicht ist mittlerweile ein wenig aufgeschwemmt. Trotzdem bleibt er freundlich. Fünf Finnen stehen vor dem Regal mit Müllbeuteln. Man kann nicht verstehen, worüber sie debattieren. Finnland hat eine hohe Selbstmordrate. Ein Vater zieht einen leeren Schlitten hinter sich her. Ein kleines Mädchen im Schneeanzug wundert sich auf der anderen Straßenseite. Der Vater dreht sich um und ruft: „Medea!“ Ich mache mir große Sorgen um das Kind. Mir ist auch immer noch übel. Vielleicht hätte ich die Linsensuppe mit dem Schweinebauch nicht so lange im Kühlschrank aufbewahren sollen.

Dienstag, 21. Dezember 2010

Guido Garcia Westerwelle – Die Einzelkämpferin IX

Nellys Ausbildung musste bis zum Dreikönigsball, also einen Tag vor der offiziellen Erscheinung des Herrn, abgeschlossen sein, was eigentlich unmöglich war. Sie fragte Thomas nach der Bedeutung des silbernen Blatts auf seiner Schulter. „Ich bin der Führer einer auf sich gestellten Truppe, Nelly.“ Sie musste eine Ratte, die sie selbst gefangen hatte, häuten, während er ein Feuer entfachte. Das erste Ziel lautete: Überleben; sich durschlagen. Das eigentliche Ziel war der Kopf Guido Garcias, der sich, das hatte Thomas ihr erklärt, mit dem Namen Westerwelle tarnte. Mehr hatte er nicht gesagt; sie würde die wahre Geschichte wohl nur nach und nach erfahren, wenn überhaupt. Nelly sehnte sich nach ihrer Wohnung, ihrem Bett, doch in der Versteckausbildung kam das nicht vor. „Schlachten bestanden.“, sagte Thomas, nachdem Nelly die Ratte aufgespießt hatte und sie nun über dem Feuer grillte. Durch den still gelegten Tunnel war zu Kaiserzeiten die Straßenbahn gerauscht. Der Kaiser hatte nicht gewollt, dass sein Pracht-Boulevard von ihr gekreuzt wurde, als ließ er sie unter die Erde verfrachten. Nelly hatte seit drei Tagen nicht geschlafen. Ihre Fortschritte im Nahkampf bezeichnete Thomas als zufriedenstellend, obwohl ihr linkes Auge beinahe zugeschwollen war. Die Ratte würde ihre einzige Mahlzeit für heute bleiben. „Hungerwoche“, nannte Thomas das. Auch heute würde er ihr keine Pause gönnen. Sickern stand auf dem Unterrichtsplan. Nelly hatte noch immer nicht begriffen, wobei es dabei ging. Thomas meinte nur, er müsse improvisieren, den Gegner ein wenig reizen, um ihn in Alarmbereitschaft zu versetzen. Die Stadt wollten sie erst Heilig Abend verlassen. Wie sie nach Stuttgart kommen sollten, war Nelly ein Rätsel. Sie bereute ihre Entscheidung nicht, und doch war sie kurz davor aufzugeben. Das Fleisch der Ratte war zäh, und sie war davon überzeugt, dass es kontaminiert war. Thomas lachte sie aus, aber bis jetzt hatte er ihr nie das Gefühl gegeben, sie könnte es nicht schaffen. Sie wusste, dass er zweifelte, aber er ließ sich nichts anmerken. Neuerdings wusste sie wenigstens, woher ihre Wunden herrührten. Sie konnte Thomas nicht danach fragen. Nach dieser Nacht, in der sie ihm zum ersten Mal begegnet war und das Bewusstsein verloren hatte. Und dann die Wunden am Morgen, die sie sich nicht erklären konnte. Sie musste geduldig sein. Und vorsichtig. „Lust ein paar Schwule zu klatschen, Nelly?“ Die Sickerübung begann. (Fortsetzung folgt)

Montag, 20. Dezember 2010

Karl-Theodor und der Hanky Code (Das Pjöngjang-Komplott 10)


Demnächst ziehe ich um. Die Wartezeit in Frankfurt vertreibe ich mir damit, meine Fähigkeiten auszubauen. Zum Beispiel wache ich jeden Morgen auf und habe einen anderen Beruf. Geld verdiene ich jedoch vor allem mit Ankauf & Verkauf. Ich habe eine Software entwickelt, die ohne mich Geld anschafft. Ich kann es mir jetzt leisten, in das 29. Obergeschoss des Skyper-Hochauses zu ziehen. 1094 qm freie Fläche. Mein Innenarchitekt ist überfordert. Karl-Theodor ist da. Endlich. Ihn empfange ich noch im Hotel. Er war schon wieder auf dem Westplateau. Er riecht streng, ist blass. Die ‚Junge Welt’ titelte mit seinem Familiendrama. Karl-Theodors Töchter haben ihn erschossen. Angeblich war es Notwehr. Wir ziehen durchs Bahnhofsviertel. Karl-Theodor hat ein Date mit Kevin van der Perren, dem Eiskunstläufer, der natürlich nicht nur mit Handys dealt. Er bringt uns zum Treffpunkt seines belgischen Drogenkartells, und ich bin froh, dass selbst Karl-Theodor nichts von meiner neuen Bleibe im Skyper weiß. Die Belgier wollen wissen, wer ich bin. Auf jeden Fall nicht die Tochter von Karl-Theodor. Kevin wirft mir verstohlene Blicke zu. Keine Ahnung, was er will. Karl-Theodor verscherbelt Mohn an die Belgier. Das sind Verbindungen, auf die kein Mensch kommt. Ich denke an meinen afghanischen Securitymann im Steigenberger, der mich vor Stephanies Inquisition gerettet hat. Und jetzt vertickt Karl-Theodor hier Mohn, und allmählich wird mir klar, warum er ständig runter fliegt. Das Wort ‚Kriegsgewinnler’ erhält Einzug in mein Privatleben. Sicherlich werden wir gleich auf den Oberproll Michel Friedmann treffen, um ein paar Ukrainerinnen klar zu machen. Dann brüllt Michel wieder: „Schwerverbrecher! Hinrichten!“, während er Schnee aus einer Kindermöse schnieft. Karl-Theodor scheint den Belgiern zu vertrauen. Trotzdem schwitzt er wie Sau. Kevin fragt, ob er ihn schießen soll. Ehe ich mich versehe, zieht Kevin ein darkpinkes Tuch aus seiner hinteren rechten Hosentasche und bindet Karl-Theodor damit den Arm ab. Darkpinker Hanky Code steht für Tittentrimm. Unser Wiedersehen habe ich mir anders vorgestellt. Kevin packt ein mobiles Einwegspritzsystem aus. Karl-Theodor bittet mich, den Löffel zu halten, in dem wir sein Mitbringsel aufkochen. Er ist schon auf Turkey, zittert wie Sau. Wir sind im Hinterzimmer einer belgischen Pommes-Bude. Ich glaube nicht, dass Friedmann hier auftauchen wird. Kevin fragt, ob ich Karl-Theodor schießen will. Seine Töchter sind ja nicht da, aber ich lasse das Kevin machen, weil Karl-Theodor es unmöglich selbst tun kann. Kevin hat Routine. Ich stelle mir vor, wie Karl-Theodor Kevin van der Perrens Brustwarzen bearbeitet. Eigentlich sollte ich wissen, welchen Hanky Code Karl-Theodor in seiner eigenen Hosentasche versteckt, aber ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt sehr wenig, stelle ich fest. Mein koreanisches Feind-Tattoo fängt an zu brennen. Die Droge wirkt. Karl-Theodor hört endlich auf zu schwitzen. (Fortsetzung folgt)

Sonntag, 19. Dezember 2010

Draht - Ein Kriminalroman - Teil 2


Krüger
Die Hitze bringt mich um, trocknet die Knochen aus. Bei jeder Bewegung knirscht es in den Gelenken. Als würde einer mit ´ner Feile über meine Knochen schaben. Steven lässt sich nichts anmerken, aber ich wette, in seinem Kopfarchiv registriert er jeden Ächzer von mir. Ist mir egal, Arschloch. Wenn du erst mal so lange für die Klitsche unterwegs bist wie ich, wirst du froh sein, dich überhaupt noch ohne Räder unterm Arsch fortbewegen zu können. Jetzt stellt er die Klimaanlage an, und ich werde mich erkälten, wenn ich nichts sage. Ich fahre die Scheibe runter. Heißluft trifft Kaltluft. In unserem Wagen wird es jeden Moment gewittern. Keine Sorge, Steven. Ich vertraue dir; du bist ein guter Fahrer, guter Mann. Er lässt mich in Ruhe; das muss  man ihm lassen. Am liebsten würde ich jetzt die Augen zu machen, ins Zwischenreich rüber gleiten, an dieser Grenze zwischen Schlafen und Wachen Pause machen. Aber dann sackt der Kreislauf runter bei der Hitze; dann taumele ich den Rest des Tages wieder mit so ´nem flauen Gefühl im Magen rum, denke dauernd an die Ohnmacht. Weiche aus, alter Mann. Ich lasse die Augen lieber auf. „Alles klar bei Ihnen?“ „Guck nach vorn, Anfänger. Willst du mich umbringen?“ Steven grinst, achtet mir zuliebe auf den Verkehr und nicht auf mich. Also mal sehen, wo er uns hin bringt. Ich habe keinen Plan, bin noch betäubt von diesem, wie hieß er gleich? Timo. Hat geschwitzt wie Sau. Und geredet, als erwarte er, dass jemand mitschreibt, sobald er spricht. Timo Möhrle. Ist der nun schwul, oder nicht? Oder beides, oder was? Entweder ich stehe auf Mösen, oder ich stehe auf Schwänze. Geilheit in alle Richtungen macht mich nervös. Und wenn du nur noch im Kopf geil wirst, hast du vollends verschissen, alter Mann. Dauert nicht mehr lang. Wie komme ich darauf, dass dieser Typ noch nie gefickt hat? Was geht mich das an? Steven hält vor einem Kiosk, so ein Pavillon aus dem vorletzten Jahrhundert. Hübsche Wohngegend. Verkehrsberuhigte Spielstraßen; Kastanien säumen die Bürgersteige. Warum hängen hier die Jungs, die so alt sind wie ich, mit Wodkaflaschen und Afrikanern rum. Wo sind wir, Steven?

Samstag, 18. Dezember 2010

Mann vom Mond


Jukka ist vier Jahre alt, und ich bin der Pate. Ich hole Jukka aus der Kita ab und ziehe ihn auf seinem Schlitten hinter mir her. Jukka hat sich auf den Schlitten gelegt, auf den Rücken, und die Hände hat er über dem Bauch gefaltet. Ich frage: „Was siehst du?“ Und Jukka: „Nur Himmel.“ Das scheint ihm zu gefallen. Mir gefällt, dass er durch die Stadt schlittert und nur Himmel sieht. Es dämmert, und wir sind länger unterwegs. Ab und zu setzt sich Jukka auf, weil er Schnee schaufeln will. Dann legt er sich wieder hin, und es ist dunkel. An einer Kreuzung sehe ich die Straße hinunter, und da ist ein Leck. Eine in die Stadt geschlagene Schneise, an deren Ende auch nur Himmel ist, nur dass in diesem Himmel ein Halbmond thront. Ich bleibe stehen, weil das so aus der Welt ist. Ich bin aus der Welt und sage zu Jukka: „Guck mal, der Mond.“ Jukka staunt mit mir, bis einer, der mit seinem Fahrrad versucht, also er versucht, auf einem Fahrrad zu fahren, auf dem gleichen Weg wie wir. Wir sind ihm im Weg. Er muss runter oder ist sowieso schon runter vom Sattel, weil Tiefschnee ist auf dem Gehweg. Er starrt mich an. Jukka guckt noch den Mond. Der Mann schüttelt den Kopf und sagt: „Ja, ja, genau.“ Für einen Moment denke ich, ich kenne ihn. Er fixiert mich. Seine Mundwinkel verziehen sich. Zu einem Lächeln, denke ich verlangsamt, weil er nicht in mein Bild passt, aus dem er mich herauszerrt. Dann fragt er: „Gaga, oder was?“ Weil wir da stehen und in den Himmel gucken. Weil wir aus der Welt und aus ihrer Zeit heraus sind, für einen Moment. Das ist nicht vorgesehen. Das entschleunigt. Das stört. Ich beneide Jukka, weil er davon nichts mit bekommt.

Freitag, 17. Dezember 2010

Karl-Theodor spritzt Morphium (Das Pjöngjang-Komplott 9)

Plötzlich bin ich doch mit der Aufzeichnung verlinkt. Der Kamerad stirbt. Karl-Theodor sagt: „Dann muss man sein Herz sprechen lassen. Dann muss man authentisch im Gefühl sein.“ Ich weiß, wie sich das auf meinen Körper auswirkt, wenn Karl-Theodor authentisch im Gefühl ist. Er sagt: „Meine Soldaten sind professionell, aber Gott sei dank auch emotional.“ Und dann sagt Johannes B. Kerner: „Wir haben vorhin schon mal eine Morphium-Spritze gezeigt, die zeigen wir jetzt noch mal.“ Wir sehen die Morphium-Spritze, und ein Soldat will zeigen, wie sie geht, und der Kerner sagt: „Aber doch nur theoretisch, bitte.“ Der Soldat, aus dem der Soldat die Morphium-Spritze zieht, ist in voller Kampfmontur. Karl-Theodor stellt sich stolz daneben und sagt: „Das müssen die über Wochen tragen, bei 40° oder 50° Hitze.“ Und dann sagt er: „So weit kommt es noch, dass wir an der Ausrüstung sparen.“ Vorher hatte ich keinen Empfang. Jetzt wird mein Hirn mit Propaganda-Spam attackiert. Kein Filter reagiert. Dann schleicht sich ein Wurm ein, der behauptet, diese 40 oder 50° Kämpfer haben zu Hause nicht mal Ausrüstung, mit der sie üben können. „Tu die Spritze weg“, bettelt Kerner, der gehofft hatte, dass auch dafür kein Geld vorhanden ist. Aber das Morphium kriegt man da unten eben billiger als alles andere. Plötzlich taucht der Sponsor der Show auf: Mc Donalds. Gefolgt von Nintendo. Und dann Zahnpasta – Blenda med 3 D White. Dreidimensionale Zahnpasta oder dreidimensionales Weiß an den Zähnen oder ein Hamster in der Tube, wer weiß das schon. Die folgende Apotheken-Rundschau erklärt es auch nicht. Danach gibt’s Kaffee und Milchschaum aus der De Longhi. Endlich schaffe ich es auszustecken, aber irgendwas steckt mich wieder ein, und da ist gerade ein Posttraumatisches Stress-Syndrom, das von einem Bundeswehr-Psychologen behandelt wird. An denen mangelt es auch. Aber auf einmal dann doch nicht. Auf einmal stehen die alle auf der Matte, und es ist selbstverständlich, dass du mit deinem Trauma behandelt wirst. Der Musterpatient sagt, sie haben ihn rausgeworfen aus der Klinik, von einem Tag auf den anderen, daraufhin hat er versucht, sich was anzutun. Dazu meint der Bundeswehr-Arzt: „So was kommt vor. Das war seine Entscheidung.“ Er sagt auch: „Wir haben ihn nicht rausgeworfen. Er wollte gehen.“ Und Karl-Theodor sagt. „Die Zahl der an der Seele Verwundeten steigt ständig, weil die sich endlich trauen, darüber zu sprechen.“ Die Kriegszitterer schämen sich nicht mehr, verkündet er stolz, gibt aber zu bedenken: „Nicht jeder ist ein Wehrdienstbeschädigter, der das von sich behauptet. Weil es ja bei so einer seelischen Verwundung schwierig ist, zu bestimmen, wie schlimm die wirklich ist.“ Den Trauma-Simulanten offeriert so ein Belastungstest ungeahnte Möglichkeiten. Wenn dir ein Bein fehlen soll, ist das viel schwierger zu simulieren. Aber wenigstens schämen sich die Trauma-Simulanten nicht, es endlich zuzugeben. Wer sorgt eigentlich für die seelisch Verwundeten, deren Trauma von dieser Sendung hervorgerufen wird? Von wem werden die beschädigt? Eine Zugführerin sagt, dass sie auch weint, aber nicht vor ihren Männern. Immer spricht sie von ihren Männern, also ist sie in ihrem Zug die einzige Frau. Sie sagt, sie muss sich zu Hause immer wieder neu integrieren, wenn sie zurück ist. Johannes will wissen, was denn in Afghanistan so anders ist, und die Zugführerin sagt: „Man kann nicht so schnell eine SMS verschicken, und man kann nicht im Fernsehen zappen.“ Und dann fragt Johannes, ob denn die Trennung in der Adventszeit besonders schwer falle. Endlich reagiert meine Firewall, und ich höre nur noch den Nachhall Karl-Theodors, dass es ihm im Vergleich zu seine Soldaten und Soldatinnen gut gehe, weil er zu Hause feiern dürfe. Warum lügt er? Warum sagt er nicht, dass er unterwegs zu mir nach Frankfurt ist? Warum feiert er nicht wenigstens mit der Zugführerin? Er sagt: „Es gibt viel zu tun in Deutschland, damit da die eigenen Verwundeten nicht länger verhöhnt werden.“ Erklären, erklären, erklären will er, wenn die zu Hause diesen Krieg noch immer nicht verstehen. Für die Unverständigen ist auch Johannes B. Kerner in den Krieg gezogen, um denen die menschliche Seite zu zeigen. Jetzt verstehen wir. Der ehemalige Präsident hatte ja auch schon verstanden. Der hatte erklärt, dass es bei dem Krieg auch um wirtschaftliche Interessen geht. Die Retter müssen ja entschädigt und an den Bodenschätzen beteiligt werden, bevor sie abziehen. Oder sie bleiben als Security für die Firmen, die dann nach ihnen graben werden. Das ist auch eine menschliche Seite, dass man sich belohnt. Von nichts kommt nichts. Ich soll über Moskau fliegen, sagt Karl-Theodor. Als ich aufwache, ist meine Festplatte gelöscht. Die meisten Daten kann ich retten, indem ich mit dem Kopf gegen die Wand schlage. Im Spiegel sehe ich, dass mein Kopf aussieht wie der von dem posttraumtisch gestressten Soldaten, nachdem sie ihn aus der klinischen Obhut entlassen haben. (Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 16. Dezember 2010

Draht (Teil 1) - Ein Kriminalroman


Timo
„Er zeigte mir ein Stück Draht. Ich kenne mich nicht aus mit so etwas. Silber leitet angeblich besser als Kupfer, der billiger ist. Es war ein Silberdraht, glaube ich. Er hat ihn mir gezeigt, also er hat ihn gespannt wie ein Seil und die Enden um seine Fäuste gewickelt. Er lächelte, aber da waren kleine Schweißperlen im Grübchen zwischen Oberlippe und Nase. Dann verschwand er. Ich weiß nicht wohin, ob er aus dem Haus raus ist oder vielleicht hoch ging. Im ersten Stock sind die Schlafzimmer und die Bibliothek. Ich weiß es nicht, weil ich gegangen bin. Ich dachte, es wäre eine seiner Angebernummern. Also er tut so mit dem Draht herum, als wolle er sonst was tun damit und lächelt mich so seltsam an, obwohl er weiß, dass ... also ich reagiere sehr empfindlich. Nicht nur auf sein Lächeln, aber auf dieses Lächeln ganz besonders. Er weiß das. Es ist gut möglich, dass er damit rechnete. Dass ich gehen würde, meine ich. Vielleicht wollte er, dass ich gehe. Aber warum sollte er so etwas tun? Es musste ihm doch klar sein, dass man mich befragt. Dass ich es erwähnen würde, den Draht, meine ich. Er kann doch nicht ernsthaft geglaubt haben, dass ich das verschweige, um ihn zu schützen. Oder? Und sie ist wirklich tot, sagen Sie?“ Der Mann, der sich mir als Hauptkommissar Krüger vorgestellt hat, nickt. Ein Kahlkopf, zerfurchtes Gesicht, die Augen Distanzschützen. Sein Assistenz mit kurzen, braunen Haaren, traurigem Blick, höchstens vierundzwanzig. Er guckt nur. Hält einen Block und einen Bleistiftstummel in der Hand, immer einen Schritt halblinks hinter seinem Chef. Lässt mich nicht aus seinen blauen Augen. Ich achte normalerweise nicht auf die Augenfarbe. Nicht mal ihre kenne ich. Seit wann sind wir getrennt? Wie lange waren wir zusammen? Grün? Grau? Tot. Ich habe keine Erfahrung mit dem Tod. Noch nie ist jemand, den ich kenne, der von Bedeutung für mich ist, gestorben, geschweige denn ermordet worden. Hauptkommissar Krüger geht meine Wohnung ab, tritt auf die Dachterrasse, lehnt sich über die Brüstung, sieht in den Hof hinunter. Auf die Mülltonnen, bilde ich mir ein und gehe den Müll durch, den ich gestern entsorgt habe. Als würde ich befürchten, dass sich die Lösung von Krügers Fall in unserem Hausmüll befindet. Ich fühle mich schuldig, bloß weil ich sie kannte. Und bloß weil ich Chris kenne und ihn mit diesem Draht gesehen habe. Es ist diese nur scheinbar unbeteiligte Nähe des Assistenten, die mich nervös macht. Steven Lochner. Er fragt, ob er sich die Hände waschen darf. Ich zeige ihm das Bad, so wie ich es in tausenden Fernsehkrimis gesehen habe. Er wird das Spiegelschränkchen über dem Waschbecken öffnen und nach Draht suchen. Nicht einmal Schlaftabletten wird er finden, und wenn, dann sind es ihre. Wie soll ich ihm erklären, dass sie noch immer Schlaftabletten bei mir im Vorrat hat. Ich werde die ganze Geschichte erzählen müssen. Alles von Lena. Und Chris. Und mir. Natürlich fragen sie nicht. Natürlich sagen sie mir nicht, was Chris gesagt hat. Krüger oder Lochner haben bestimmt schon, von mir unbemerkt, das Telefon angezapft. Ich habe Chris seit Monaten nicht angerufen. Ich werde jetzt nicht wieder damit anfangen.
„Ja, ich habe einen Schlüssel. Lena war es wichtig, das ich Kommen und Gehen kann, wann immer ich will. Chris wusste das. Und gestern war ich nur da, um Lena etwas zurückzubringen, ein Buch. Wir mögen es nicht gut leiden, wenn ausgeliehene Dinge nicht nach Gebrauch direkt wieder zurückkommen. Besonders bei Büchern nicht. Aber weder sie noch er wussten, dass ich kommen würde, nein.“
Sie belassen es dabei. Steve Lochner trägt pseudomodische Jeans mit künstlichen Löchern auf Kniehöhe. Krüger dreht sich in der Tür noch einmal um, aber ich habe ihm nichts mehr zu sagen. Er wird bemerkt haben, dass ich schwitze. Dass ich die ganze Zeit geschwitzt habe. (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 15. Dezember 2010

Schwule küssen Guido nicht - Die Einzelkämpferin VIII


Thomas saß bei Nelly in der Küche und wärmte sich die Hände an einer Tasse Fencheltee. „Ich habe mit Guido Abitur gemacht. Früher hat er sich auch schon die Maulwürfe hinten rein gesteckt. Und Hamster in Zahnpastatuben gequetscht. Ich habe ihn mal geküsst. Und er hat mal ... naja. Ich habe meine Gründe. Aber du warst nicht eingeplant, Nelly.“ Nelly war nicht sicher, ob Thomas tatsächlich da war. Er war darauf trainiert, unsichtbar zu sein, sich nicht durch seinen Geruch zu verraten oder ähnliches. Sein Kopf leuchtete auch nicht mehr rot, und der Tarnanzug war weiß gewesen, als er rein kam, weil draußen nach wie vor der Schnee wütete. „Du kannst hier bleiben.“, hörte Nelly sich sagen. „Ich bin nicht sicher, ob ich dir trauen kann, Nelly. Das Problem ist nur – wenn ich dir nicht traue, muss ich dich töten. Das verstehst du doch?“ Nelly wunderte sich. Er machte Eindruck auf sie. Aber sie fürchtete sich nicht. „Warum willst du Guidos Kopf, Nelly?“ „Ich sammele Köpfe.“ Thomas lächelte. „Ich bin wirklich froh, einen Moment inne halten zu können bei dir. Der Winterkampf ist hart. In der Wildnis kann ich mich in Schneewehen eingraben, wenn ich Ruhe brauche, aber hier, in der Stadt, das ist ein anderes Terrain. Ich könnte Hilfe gebrauchen.“ Er hatte also Guido geküsst, aber er erschien ihr nicht schwul. Aber von Mario hatte sie auch nicht erwartet, dass er es plötzlich mit Polizisten trieb. Sie hatte keine Lust mehr auf Spielchen. Sie musste wissen, woran sie bei Thomas war. „Bist du schwul?“ Thomas lachte. „Weil ich Guido geküsst habe? Da war ich sechzehn und hatte eine Flasche Vodka intus. Ich meine, guck ihn dir an. Wäre ich schwul, würde ich dann Guido küssen?“ „Nein. Wahrscheinlich nicht.“ Für einen Moment dachte Nelly an die tschechischen Blutflusstests, entschied sich aber, darauf zu verzichten. „Früher dachte ich, er kann nichts dafür. Der ist allein mit drei Brüdern und einem Vater, und für die ist er das Aschenputtel, und für seine Mutter ist er der Frosch, weshalb sie sich auch verpisst hat. Naja. Wenn ich meine Familie angucke, müsste ich auch pervers sein.“ „Du hast den Frosch geküsst.“ „Ja.“ Thomas musste laut lachen. Sofort ging er in Deckung, und war in Sorge, der Feind könnte ihn gehört haben. Nelly konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Thomas sich ihrer Wohnung angepasst hatte. Er war von seiner Umgebung nicht mehr zu unterscheiden. „Das würde ich gerne von dir lernen.“ „Was meinst du, Nelly?“ „Wie man unsichtbar wird. Kannst du mir das beibringen?“ „Du willst das wirklich, oder?“ „Ja.“ „Zu mir haben sie früher aus Amerika die Ranger geschickt, damit die mit mir üben durften. Ich habe mal eine Einheit Green Berets sechs Tage und Nächte durch Baden-Württemberg gehetzt. Am Ende haben die den Bauern Dollars in die Hand gedrückt, damit die sie vor mir verstecken und füttern. Die Bauern haben das Geld genommen und dann die Berets an mich verraten. Waren halt Schwaben. Naja. Ich hab was drauf, Nelly, das wollte ich damit sagen. Und das mit den Green Berets ist eine eher harmlose Geschichte. Es geht dabei um Vertrauen, darum geht es, wie gesagt. Entweder ich vertraue dir, oder ich töte dich. Ich will dich nicht töten. Wenn du willst, teste ich dich. Ob du bereit bist für die Ausbildung. Wenn du versagst ...“ „Tötest du mich?“ „Ich sollte nicht hier sein.“ Für einen Moment konnte Nelly sein Gesicht sehen, und sie war versucht ... doch sie hielt sich zurück. „Bring mir den Kopf von Guido Garcia. Erinnerst du dich? Das hast du zu mir gesagt, Thomas.“ „Ich weiß.“ „Was bedeutet ‚Garcia’?“ „Du wagst dich weit vor, das ist dir klar, oder?“ „Ja.“ (Fortsetzung folgt)

Dienstag, 14. Dezember 2010

Hustler an der Weihnachtsfront - (Das Pjöngjang-Komplott Teil 8)


Wochenlang war Stillstand. Als hätte der MAD die Zeit angehalten. Ich bin nicht sicher, ob er wirklich Zugriff auf mich hat. Manchmal denke ich, ich bin viel stärker, als sie ahnen. Zeit spielt keine Rolle mehr für mich. Piotr ist wieder bei seiner Mutter, die seiner Meinung nach immer noch Alkoholistin ist. Er meldet sich regelmäßig bei mir. Ich brauche nach wie vor keinen Apparat, um mich mit jemandem zu verbinden. Ich habe es nicht eilig zu klären, warum das so ist. Piotr spricht nicht über die Vorkommnisse in Frankfurt. Für Eiskunstläufer scheint er sich auch nicht mehr zu interessieren. Er bemüht sich, den Eindruck eines normalen 13-Jährigen zu erwecken, aber er weiß, dass ich ihm nicht glaube. Ich liege auf meinem Hotelbett und starre die Decke an. Gerade habe ich wieder auf Koreanisch gedacht. Das passiert mir in letzter Zeit häufiger, dass ich das Gefühl für meine Muttersprache verliere. Ich vermisse Karl-Theodor nicht. Ich kann mich kaum noch an seinen Geruch erinnern. Ich schätze, er hat einen Deal mit Stephanie ausgehandelt. Er musste sich entscheiden. Sie oder ich, und es ist ihr egal, dass ich an dieser Nordkorea-Sache für ihn arbeitete. Sie hat die Kontrolle übernommen. Aber mein Auftrag wurde nicht zurückgerufen. Irgendwann muss er wieder Kontakt aufnehmen. Ich bin gut im Warten. Sie zeigen Bilder von Stephanie bei den Truppen. Sie lässt ihn nirgendwo mehr allein hingehen. Glaubt, wenn sie sich ein schickes Karo-Hemd anzieht, kriegen die Soldaten einen Weihnachtsständer. Ich kann nicht fassen, dass er ihr gegenüber so machtlos ist. Was hat sie bei den Mohnbauern verloren? Die Moral der Truppe, davon reden sie, und natürlich erinnert uns die Frau daran, dass wir diesen Krieg aus karitativen Gründen führen. Hält sie sich für Marilyn? Will sie singen? Die Satelliten feuern Bilder in mein Hirn, die man nicht im Fernsehen sehen kann, aber mittlerweile verstehe ich mich darauf, offline zu gehen, wenn es zu viel wird. Abschalten zehrt auch an den Kräften. Ich habe einen Intensiv-Kurs Transzendentale Meditation beim Globalen Land des Weltfriedens absolviert, das hilft. Während des Kurses musste ich alles andere aus meinem Hirn fernhalten, weil ich für den Kurs ja auch online sein musste. Das war sehr schwierig und eigentlich kontraproduktiv. Aber es ist leichter, einzelne Kanäle zu schließen, als sich komplett auszuschalten. Ich verstehe einfach nicht, warum Karl-Theodor im Flugzeug eine Splitterweste trägt. Auch Stephanie verzichtet nicht darauf, obwohl ihre Brüste so überhaupt nicht zur Geltung kommen. Sie verteilt aus einer Kiste den ‚Hustler’ an die Soldaten und ‚Playgirl’ an die Soldatinnen. Stephanie kapiert nicht, dass man in einer gemischten Armee alles Live vor Ort hat. Eigentlich müsste ich jetzt ausstecken, um mich zu erholen, aber ich will mir noch Kerners Feldlager-Talk in Masar-i-Sharif angucken. Die Aufzeichnung, die sie hier ausstrahlen werden, wird mit Werbung für das neue World of Warcraft und Lebensversicherungen zersetzt werden; das ist dann wieder eine ganz andere Dimension. Es gibt keinen, der so gut gleitet und schmiert wie Kerner ohne Unterbrechung, selbst in Afghanistan nicht. Er wird den Gebrauch der Heftchen sicher vereinfachen. Außerdem ist er die perfekte Tarnung für Stephanie. Wie konnte es ihr bloß gelingen, meine Verbindung zu Karl-Theodor zu unterbrechen? Alles was ich empfange, sind seine Schamgefühle wegen ihres Auftritts. Was, wenn das Ganze nur ein Ablenkungsmanöver ist? Denn ich empfange auch keine Bilder mehr aus Korea. Kein Mensch weiß, was aus dem See-Manöver und dem 3. Weltkrieg wurde. Das totale Tabu. Ich muss meinen Auftrag notfalls auch ohne Karl-Theodor zu Ende bringen. Ich starre die Decke an. Ich warte. :Feind. Möglicherweise verändert sich mein Körper. Auch wenn man das nicht sehen kann. (Fortsetzung folgt)

Montag, 13. Dezember 2010

Beckmann Live: Heinz Buschkowsky spendet Samen für Kristina Schröder


Der Typ trägt Schal und sagt zu seiner Praktikantin: „New York ist nicht Hollywood.“ Sie nickt. Er will sie los werden, also sagt er: „Ich hab’s mit Leuten zu tun, ich will mal nicht sagen: populär; ich sag mal: Bekanntheitsgrad, kapiert? Die sind bekannt, und das wirst du nie werden.“ Sie ist sich nicht im Klaren, ob man einer Praktikantin kündigen darf. Er sagt: „Schätzchen, wenn mich einer fragt – ich habe dich nie gesehen. Dich hat überhaupt nie irgendjemand irgendwo gesehen. Und daran wird sich auch nichts ändern.“ Sie würde jetzt wirklich gerne gehen, aber er hat noch einen Zeigefinger in ihrem Arsch, und allmählich bereut sie, dass sie es so weit hat kommen lassen. Schließlich beißt sie dem Typ von der Degeto das linke Ohr ab, was es ihr ermöglicht, endlich von ihm los zu kommen. Sollte die Degeto zusehen, wo sie in Zukunft parkte; sie hatte vorgesorgt. Das wusste der Degeto-Typ nicht, dass sie auch für Beckmann arbeitete. Zwar auch nur als Praktikantin, aber in seiner Redaktion hatte sie sich längst unentbehrlich gemacht. Der Degeto-Trip war als zweites Standbein gedacht gewesen, eine Fehlinvestition, aber ihr wahrer Stern sollte heute Abend aufgehen. Sie hatte es fertig gebracht, eine ihrer Freundinnen bei Beckmann einzuschleusen: Kristina Schröder. Die war Ministerin für Frauen und Familie, und sie kannten sich schon ewig. Dank Kristina hatte sie auch das Degeto-Praktikum bekommen, weil Kristina diesen Mann mit Schal – aber darüber wollte sie jetzt lieber nicht nachdenken. Heute Abend würde Kristina auf den Heinz Buschkowsky treffen. Das war einer, der wusste aus der Praxis, dass es schwierig war mit Fremden, die Deutsche mobben. Kristina hatte schon immer auf den Heinz gesetzt. Heute würde sie ihn im Fernsehen persönlich treffen, um mit ihm gemeinsam das mit den Deutschen und den Nicht-Deutschen und dem Beckmann endgültig zu klären. Mit dem Beckmann hatte die Schröder nämlich nichts anfangen wollen. Dafür hatte sie ihn einmal auf der Sender-Toilette, weil sie ja Praktikantin war, aber nur kurz und nur, um ihm den Buschkowsky aufzuschwatzen, und dafür wollte der Heinz dann mit der Kristina erklären, warum Türken einfach woanders sind, solange sie in Neukölln wohnen. Die Araber fand der Buschkowsky noch unartiger, weil die einfach parallel waren, aber nicht zu ihm. Die Schröder hatte das Problem, dass sie die irgendwie mochte, die Araber, wegen den Genen. Darüber hatte sie oft mit ihrer Praktikantinnen-Freundin gesprochen, dass für eine Befruchtung nur arabischer Samen in Frage kam, weil die einfach vom genetischen Material her noch nicht so degeneriert waren, wie ihre Gastgeber. Nur konnte die Schröder sich schlecht mit einem verheiraten, oder einfach zum Vögeln nach Saudi-Arabien reisen, weil da ja schon Kraft seines Amtes der Guido hinfuhr. Mit dem Buschkowsky war ehe- oder genmäßig erst recht nichts anzufangen, dann schon eher mit dem Beckmann, aber der trieb es ja mit Praktikantinnen auf der Toilette. Heute Abend in der Sendung, da war sie sich ganz sicher, würde sie alle drei hochgehen lassen. Weil die Kristina in Wirklichkeit schon lange nicht mehr ihre Freundin war, sonst hätte sie sie ja wohl kaum an diesen Degeto-Perversling vermittelt. Diese ganze Aufenthaltsbestimmung war der Schröder und dem Buschkowsky einfach über den Kopf gewachsen, und das sollte der Beckmann mal schön ausbaden heute Abend. Es waren nur noch wenige Stunden bis zur Sendung, der Beckmann musste schon wieder aufs Klo, wo sich Kristina gerade die Pickel ausdrückte, und der Buschkowsky hatte Magen-Darm-Grippe, wollte aber trozdem auftreten. Egal, was da heute Abend zwischen den Dreien hochging, mit den Medien war sie fertig. Die Praktikantin in ihr war soeben gestorben und das würde sie jetzt ordentlich begießen.

Sonntag, 12. Dezember 2010

Nikotin II


Sie stelzt in einer Jogginghose und Wanderstiefeln vor ihm her, trägt eine Bomberjacke, und eine Kippe steckt in ihrem Mundwinkel. Ihr Haare sind gelb vom Nikotin. Er hat seine schwarze Cordhose über die grauen Waden hochgekrempelt. Seine Bomberjacke ist ein Zwillingsstück, aber er hat nur Turnschuhe an. Er platscht mit einem Fuß in den Matsch, um den Matsch wegzutreten und matscht sie, die neben ihm geht, von oben bis unten voll. Sie fragt: „Was bist du denn für ein Arschloch?“ Dabei fliegt ihr die Kippe nicht aus dem Maul, sondern wippt nur auf und ab. So wie er guckt, ist klar, die Frage ist rhetorisch gemeint. Rasiert hat er sich auch schon seit Tagen nicht mehr, und er hat keine Ahnung, warum sie ihn überhaupt raus in diese Suppe gescheucht hat. Und dann auch noch in diese Gegend, wo sie völlig fehl am Platz wirken, obwohl sie schon ihr ganzes Leben dort verbracht haben. Er sieht gerade Heilig Abend vor sich, wenn der Kartoffelsalat dieselbe Farbe hat, wie die hartgekochten Eier und ihre Finger. Oder Sylvester. Wenn er dann rauchend mit ihr auf dem Balkon steht, und sie immer noch diese Jogginghose an hat, während sie ins Feuerwerk starren. Dann erinnert er sich sicher wieder an die Katzen, die er früher in die Luft gesprengt hat. Und sie träumt wieder vom Vereinsheim, wo sie all die Jahre gefeiert haben. Wo sie schon seit Jahren nicht mehr hin können, weil sie das Heim geschlossen haben. Jetzt müssen sie durch den Matsch, weil die Kippen ausgehen. Der verschissene Vietnamese, der bis vor ein paar Wochen noch um die Ecke stand, ist umgezogen. Deshalb müssen sie hier unter die Leute, die von überall herkommen, weil Wochenmarkt ist. Konnte ja kein Mensch ahnen, dass der auch für die Vietnamesen ein gutes Geschäft wird. Die Security lässt sie nicht durch. Er wird nervös, aber die Kippen sind alle. Die letzte hat sie ja abgekriegt. Er fängt an, mit dem Mann von der Sicherheit zu diskutieren. Warum sie nicht aufs Gelände dürfen. Schließlich dürften sogar Vietnamesen drauf. Die Sicherheit reagiert nicht. Sie kann schon fast nicht mehr stehen, braucht jetzt dringend einen Glühwein mit Schuss, ohne den sie den Weg nach Hause bestimmt nicht schafft. Er redet sich in Rage. Der Vietnamese darf illegal seine Kippen verticken, und sie, als anständige Deutsche, dürfen nicht mal als Kunden auf den Markt. Wo sie denn hier wären. Sie rempelt ihn an, weil er jetzt den Vietnamesen verraten hat. Die Aussicht auf billige Kippen schwindet immer mehr. Die ersten Schaulustigen habe sich um sie und den Wachmann gruppiert. Ein paar besonders fröhlich Gestimmte finden es diskriminierend, dass die Bomberjacken keinen Einlass finden. Die anderen finden, dass ihr äußeres Erscheinungsbild den Gesamteindruck stört, und dass so was nichts mit Rassismus zu tun hat. Schließlich gingen hier alle ein Risiko ein, da bräuchte man nicht auch noch so einen Prekariats-Anblick um sich herum. Ihr wird langsam wirklich schlecht, wegen dem Nikotinentzug und dem Nebel und dem Geruch gebrannter Mandeln, der sich mit den Glühweinschwaden vermengt. Er hat keine Ahnung, wovon die Leute sprechen. Er hat genug von ihrem Ausflug. Weil die Schaulustigen den Sicherheitsbeauftragten ablenken, der sich erkundigt, was sie mit ‚Prekariat’ meinen, weil er sich einbildet, das hätte ihm gegolten und sich nicht sicher ist, ob es was Gutes oder Schlechtes ist, gelingt es ihm, dem Mann der Sicherheit seine Faust ins Gesicht zu rammen. Sie schreit auf. Die Menge weicht zurück. Gerade als die Security dem Kollegen zur Hilfe eilen will und dabei ihre Waffen entsichert, mischt sich der Vietnamese endlich ein. Die Schüsse hören sie erst, als sie längst außer Reichweite sind.

Samstag, 11. Dezember 2010

Bring mir den Kopf von Guido Garcia 2 – Die Einzelkämpferin VII

Ein Schneesturm fegte über die Stadt hinweg und zwang Nelly, zurück nach Hause zu gehen, ehe sie erneut Kontakt aufnehmen konnte. Sie war froh, es überhaupt noch in die Wohnung geschafft zu haben. Aber sie war sich sicher, es war der Mann im Tarnanzug gewesen, der ihr „Bring mir den Kopf von Guido Garcia“ zugeflüstert hatte. War es ein Befehl gewesen? Der Nachklang ließ die Worte eher wie eine Verheißung erscheinen. Der Unsichtbare war auf der Jagd. Wie Nelly. Er konnte ihr nichts getan haben, und doch ... Nelly saß vor ihrem Computer. Noch war sie mit der Welt verbunden, auch wenn die sich nun verstärkt vor ihren Bewohnern zu verschließen drohte. Der Eintrag von Metzner in Metzners Blog war nicht von Metzner selbst, davon war Nelly überzeugt, als sie ihn aufrief. Metzner blieb verschwunden. Damit hatte Nelly nichts zu tun. Im Gegenteil. Sie hatte andere Pläne mit ihm gehabt. Waren die hinfällig geworden? Solange sie überlegte, wie sie an den Kopf von Guido kommen sollte, bestimmt. Oder gab es da nach wie vor eine Verbindung? Man wusste ja von Guidos Vorliebe für eingeführte Maulwürfe und Hamster. Über den Bildschirm flimmerte die Nachricht, dass auf ihn geschossen worden war, während er versucht hatte, ein Bild von Neo Rauch aufzuhängen. Dann fiel der Strom aus. Hatte Thomas etwas damit zu tun? Warum ging ihr dieser kahlgeschorene Rothäutige nicht mehr aus dem Kopf? War sie nicht frei von allem, war es nicht das, was ihre Veränderung am ehesten beschrieb – diese Losgelöstheit? Der Schneesturm hatte die Stadt im fest im Griff. Nelly blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten. Als sie am nächsten Morgen aufwachte, hatte Nelly Schnittwunden an ihren Knöcheln und auf ihren Armen. Sie säuberte die Wunden und bekam es zum ersten Mal seit langer Zeit mit der Angst zu tun. (Fortsetzung folgt) 

Freitag, 10. Dezember 2010

Bring mir den Kopf von Guido Garcia - Die Einzelkämpferin VI


Als Nelly aufwachte lag sie auf ihrem Bett, und ihr Schädel dröhnte. Nur verschwommen konnte sie sich an den Mann im Tarnanzug und den Kuss erinnern. Was war passiert? Helmut Metzner war zumindest in seinem Blog wieder zum Leben erwacht. Die Partei versprach ihm, seine Reputation nicht weiter verletzen zu wollen. Bilder von einem Darkroom in Tschechien flackerten vor Nelly auf. Dann folgten bewegte Bilder vom Fliegen-Metzner, die ärmlich wirkenden, ausgemergelten, dunkelhäutigen oder ängstlich blickenden, religiös vermummten Männern gezeigt wurden, von denen man eine sexuell angemessene Reaktion darauf erwartete. Nelly war speiübel. Drohte ihr etwa ihr Leben zu entgleiten? Sie sehnte sich nach einem heißen Bad, aber nachdem sie die Leiche von Joseph Blatter in ihrer Wanne mittels Schwefelsäure zersetzt hatte, brachte sie es nicht mehr über sich, selbst hineinzusteigen. Nelly öffnete die Tür des 10. November an ihrem Adventskalender. Wie jedes Jahr hatte sie ihn sich selbst geschenkt. Und wie jedes Jahr hatte am 6. Dezember eine ihrer Nachbarinnen einen Apfelmann mit Lebkuchen an ihre Wohnungstür gehängt. Nie konnte sie sich dafür bedanken, weil sie lieber gar nicht erst darüber nachdachte, wer da versuchte, ihr etwas Gutes zu tun. Sie hasste Äpfel und alles, was mit Weihnachten zu tun hatte. Der Adventskalender war ein Fetisch. Er und der Geschmack der Billig-Schokolade, die er versteckte, standen für etwas, über das Nelly noch nie in ihrem Leben mit jemandem gesprochen hatte. Und das sie nie im Leben vergessen würde, auch wenn sie jetzt eine andere war. Als sie raus ging, war es schon dunkel, und es schneite noch immer. Vor ihr schlitterte eine junge Frau mit ihrem Einkaufskorb über den Bürgersteig. Als sie um die Ecke biegen wollte, rutschte sie auf dem platt getretenen Schnee aus und stürzte. Lauchstangen, Haferflockenpackungen, Eier und Pralinen streuten über den Boden. Zwei Männer kamen entgegen, versuchten der jungen Frau aufzuhelfen, doch sie schrie auf, schlug die gereichten Hände weg. Sie schaffte es von allein hoch; die beiden Männer blieben noch stehen, doch der Frau war deren Nähe sichtbar unangenehm. Sie entschuldigte sich bei ihnen. Die Männer trauten sich nicht, ihr dabei zu helfen, die Einkäufe wieder einzusammeln, sagten nur, sie müsse sich doch nicht entschuldigen. Sie entschuldigte sich erneut. Nelly hielt Abstand. Sie konnte das Gesicht der Frau nicht erkennen, und obwohl sie mit ihr fühlte, hatte Nelly nicht die Absicht, ihr beizustehen. Sie vermutete, dass die Frau ihren Kampf schon vor langer Zeit verloren hatte. Nelly musste sich auf sich selbst konzentrieren. „Bring mir den Kopf Guido Garcia“, flüsterte Nelly und musste lächeln. Sie fühlte sich stark. Sie wusste, sie würde ihn wiedersehen. Er schuldete ihr die Erinnerung an letzte Nacht. Doch diesmal würde sie vorbereitet sein. (Fortsetzung folgt)

Donnerstag, 9. Dezember 2010

Peniskontrollen - Die Einzelkämpferin V


Nelly traute ihren Augen nicht. Die Tschechen zeigten Asylbewerbern Schwulenpornos und versuchten dann, den Blutfluss in den Penissen der Asylbewerber zu messen. Die Tschechen wollten prüfen, ob sie wirklich so schwul waren, wie sie behaupteten, also schwul genug, um Asyl beantragen zu dürfen. Nelly hatte mittlerweile Gefallen daran gefunden, Schwule zu verfolgen, aber das hatte persönliche Gründe. Eigentlich hatte sie gar nichts gegen Schwule. Ihr gefiel auch die Idee, Blutflüsse in Penissen zu messen, aber dann erinnerte sie sich an einen Film, in dem eine Japanerin einem Japaner den Schwanz abschneidet und den dann aufisst. Das hatte irgendetwas mit Eifersucht zu tun gehabt, ein Gefühl, das Nelly als unrein empfand. Vielleicht hatten die Tschechen auch Probleme, ihre Schwulenpornos an den Mann zu bringen, und das ganze war eine Marketingstrategie, denn die Tschechen waren mal Europameister in der Herstellung von Schwulenpornos gewesen. Es gab Darsteller, die steckten einen Großteil ihrer Gagen in Schönheitsoperationen, um jünger auszusehen. Als Schwuler durftest du in Tschechien selten älter als 20 sein, wenn du irgendwo einen Blutfluss in Gang bringen wolltest. Nelly war noch immer auf der Suche nach Helmut Metzner, der war deutlich älter als 20, weshalb ihm jetzt offiziell gekündigt worden war. Sie wusste nicht, ob sie schon so weit war, sich an Guido heranzutrauen. Oder ob sie doch einen Abstecher nach Tschechien machen sollte, um dort ein Praktikum bei den Asylbehörden zu absolvieren. Sie musste sich erst daran gewöhnen, eine Getriebene zu sein, deren Ziele sich oft erst offenbarten, wenn sie diese erreicht hatte. Im Büro für Suchtmittelangelegenheiten hatte sie sich eine Auszeit genommen, seitdem blieb das Büro geschlossen. Plötzlich stand ein Mann unbestimmbaren Alters vor ihr, dessen Schädel kahl und rot war, und sie musste sofort an den Blutfluss denken und daran, dass sie ihn schon mal irgendwo gesehen haben musste. Er steckte in einem Tarnanzug und hatte sich ihr möglicherweise absichtlich zu erkennen gegeben. Nelly fühlte sich in die Enge getrieben. Sie war nicht bewaffnet. Thomas legte seinen rechten Zeigefinger auf seine Lippen, um ihr zu bedeuten, dass ein Schrei ihr nicht helfen würde. „Was machst du hier?“ fragte Thomas sie. Guido hatte keine Ahnung, dass seine Vergangenheit auf dem besten Weg war, ihn einzuholen. Und Nelly war unfähig zu ermessen, in was sie da möglicherweise hineingeriet. Nur deshalb konnte sie den Finger auf Thomas’ Lippen küssen, und war dann ganz überwältigt, weil sich das genauso anfühlte wie damals, als sie sich aus einem Flugzeug gestürzt hatte – sie war in den Himmel gekippt und hatte aufgehört zu denken. Thomas zitterte. Auch er war schon aus Flugzeugen gesprungen. Nur war er dabei einem Befehl gefolgt, und seine Befehle hatte er nie in Zweifel gezogen. Darauf war er nicht trainiert, schließlich war er Berufssoldat. Wie sein Vater. Wie sein großer Bruder. Doch die waren nicht unehrenhaft entlassen worden. Thomas wusste nicht, was er jetzt mit Nelly anstellen sollte. Seine Mission geriet ernsthaft in Gefahr. (Fortsetzung folgt)

Mittwoch, 8. Dezember 2010

Nikotin I (Aus den Tagebüchern des Walter Amok)


Die Frau sieht aus wie Mitte 50, ist aber die Mutter eines 8-Jährigen, und als der Zug für 10 Minuten hält, geht sie raus und raucht drei Zigaretten. Sie trägt einen weißen Handschuh, wegen der Finger, damit die nicht gelb werden oder stinken. Dafür wird der Handschuh gelb und stinkt, aber sie zieht den nicht mehr aus, auch nicht, als sie zurück im Zug ist, und das Kind stinkt wahrscheinlich auch. Der Mann in der U-Bahn hat auch so einen Handschuh, aber kein Kind, und rauchen tut er auch nicht, weil das in der U-Bahn nicht erlaubt ist. Vor der Oper steht sehr fein herausgeputzt eine Besuchergruppe, und alle haben so einen Handschuh an, den sie nie ausziehen, was überhaupt nicht fein und kultiviert aussieht. Die Dinger erinnern einen zwangsläufig an Atemschutzmasken. Ich kannte mal einen Mann, der war ziemlich fett. Er hatte fettige lange Haare, war schwul und rauchte Lord Extra aus einer eleganten, langen, schwarzen Filterspitze. Da musste er dreimal am Tag den Kohlefilter auswechseln, weil er so viel rauchte. In seinen Weißwein hat er immer einen Würfel Eis reintuen lassen. Ich habe manchmal bei ihm übernachtet, und einmal hat er versucht, mich dabei anzufassen. Aber weil ich mich nicht gerührt habe, hat er es sein lassen und heftig geschnaubt aus Enttäuschung oder wegen Überdruck oder Atemnot. Hätte er so einen weißen Handschuh angehabt, hätte das auch nichts an meiner Haltung geändert. Wann anders hat er mir mal nachts in seiner Küche erklärt, dass ich ein Feigling bin, verklemmt und so was, und mir doch am liebsten erst den Schwanz waschen würde, bevor ihn einer anfassen dürfte. Ich habe auch mal für ihn gearbeitet. Er war Komponist, und ich war sein Assistent und sollte im Tonstudio Tonbänder schneiden lassen, die es damals noch gab. Ich hatte keine Ahnung, wie das geht, musste aber gegenüber dem Tonmeister mit meinen Anweisungen so tun, als wäre ich Fachmann. Das habe ich von ihm gelernt, das war auch immer sein Credo: Behauptung ist alles. Noch viel später habe ich ihn zufällig in Baden-Württemberg wieder getroffen, da ist er dann in meine Wohnung eingezogen, weil ich da ausgezogen bin. Er hat immer noch Lord Extra aus der Filterspitze geraucht, aber seine fettigen Haare waren jetzt grau. Ich frage mich die ganze Zeit, warum dieser Handschuh zum Rauchen weiß ist. Und warum man ihn anlässt, wenn man fertig geraucht hat. Heute Nacht habe ich von Henryk M. Broder geträumt. Jemand hat ihn mit so einem Handschuh geknebelt, und er drohte daran zu ersticken. Als ich aufgewacht bin, konnte ich mich nicht erinnern, ob es mir möglich gewesen wäre, ihm zu helfen. Ich konnte mich nur daran erinnern, dass ich es nicht getan habe.

Dienstag, 7. Dezember 2010

Der schwule Informationsterrorist - Die Einzelkämpferin IV


Nelly liebte den Film ‚Trio Infernale’. Da gab es eine Szene, in der Michel Piccoli, Romy Schneider und Mascha Gonska eine Leiche in eine Badewanne mit Schwefelsäure legen, damit sie sich auflöst. So kam es, dass von Joseph Blatter in der Tat nichts übrig blieb, wenngleich Nelly den Gestank der Zersetzung in ihrer Wohnung kaum ertragen konnte. Zur gleichen Zeit verschwand Helmut Metzner von der Bildfläche. Wenn man seinen Blog aufrief, stand da als Erstes: „Sorry, you’re looking for something that isn’t here“. Ist er entfernt worden oder hatte er sich selbst entfernt, fragte sich Nelly. Und warum hatte er sich zudem noch entpersonalisiert? Der Mann war schwul und in der FDP und hatte getratscht, und nun war er verschwunden. Seitdem der schwule Polizist im Büro für Suchtmittelangelegenheiten aufgetaucht war und ihr den Praktikanten Mario ausgespannt hatte, interessierte sich Nelly für die Gewohnheiten von Schwuchteln. Und dieser Metzner hatte sich so verhalten, wie es die meisten dieser Gattung taten. Er hatte gelästert und getratscht und intrigiert und sich nichts weiter dabei gedacht. Wobei Letzteres nicht stimmte. Wahrscheinlich genoss er die Aufmerksamkeit, die er damit auf sich zog. Er hatte nicht bemerkt, dass sich kein Schwanz für ihn interessierte, bestenfalls für das, was er zu erzählen hatte. Wahrscheinlich hatte man auch über ihn gelacht, was Schwule ganz besonders schlecht vertragen, also wenn man sie verlacht, zum Beispiel, weil sie schwul sind oder rumtucken. Interessanterweise tuckten die Schwulen in dem Metier eines Metzners oder seines Vorgesetzten nicht rum. Wer würde schon eine Tucke wählen? Sicher war Helmut Metzner auch einer dieser Verletzten, die immer auf Rache aus waren und sich dafür in irgendeine Macht hinein intrigierten, wo sie dann ihr Schwulsein als Garantie für den per se besseren Menschen deklarierten. So wie es alle tun, die sich als Unterdrückte ausweisen können. Nelly hatte während ihrer Recherchen festgestellt, dass man sich, wenn man labil war, Schwule besser nicht zu Feinden machte. Niemand hetzte so gnadenlos wie sie. Erstaunlich war auch ihr Sexismus. Jeder Mann, der ihnen über den Weg lief, wurde taxiert und auf seinen Arsch beziehungsweise Schwanz reduziert. Nelly fragte sich, was Helmut Metzner zugestoßen war. Was hatte ihn zu dem gemacht, was er war – ein Verräter? Und was war aus diesem Verräter geworden? Wieder stieg ihr dieser unangenehme Geruch von Schwefelsäure in die Nase. Dann erinnerte sie sich an das Gerücht über die schwulen Seilschaften in der Politik und fragte sich, was eigentlich ‚immun’ bedeutete. Denn nur weil er immun war, konnte doch ein schwuler Außenminister zum Beispiel in Saudi-Arabien über Öl, Atome und Iran-Kriege verhandeln, ohne wegen seiner Homosexualität zum Tode verurteilt zu werden. Aber war auch Helmut Metzner immun? Nelly bezweifelte das. Er war offiziell als Informationsterrorist gebrandmarkt, dafür hatte ‚Die Achse des Guten’ gesorgt. Helmut Metzner war angeschlagen und hilfsbedürftig. Diese Chance wollte Nelly sich nicht entgehen lassen.

Montag, 6. Dezember 2010

Bulimie im InterCity


Gestern im Zug hatte eine blonde Frau einen türkisfarbenen Rollkragenpulli an, aber der Kragen hing so runter, dass er den Hals nicht schützen konnte und stattdessen Einblick in ihr Dekolletee gab. Die Hose war schwarz und saß eng. Auf die schwarzen Stiefel waren Perlen gestickt, ihr Schaft war mit Pelz umfasst. Auf ihrem Schoß hatte die Frau einen Aktenordner, darin waren Arbeitsmaterialien zum Thema Bulimie. Darin hat die Frau geblättert und gelesen. Dann hat sie einen Deoroller aus ihrer Handtasche geholt, um damit unter ihren Achseln zu rollen. Danach kam eine Bürste. Die Borsten waren aus Draht, und oben waren kleine Gumminoppen drauf. Sie bürstete sich sehr intensiv. Überall verteilten sich ihre blonden, glänzenden Haare. Ich habe einen Ekel vor langen Haaren. Wenn auf meiner Kleidung oder zu Hause auf meinem Sofa oder auf dem Küchentisch oder im Waschbecken ein langes Haar zurückgelassen wird, bleibt mir die Luft weg, bekomme ich Kopfweh und in meinem Magen rumort es. Ich habe mich schon oft gefragt, ob ein Trauma dafür verantwortlich ist. Ich erinnere mich an Karin, eine Studienfreundin, die hatte auch lange, blonde Haare und spielte dauernd mit denen rum. Sie wickelte sie um ihre Finger und neigte dabei den Kopf leicht zur Seite, während man mit ihr sprach. Das fand ich damals schon ein klein bisschen unangenehm. Ich habe auch nicht verstanden, warum diese Frau im Zug sich mit Bulimie beschäftigte. Sie ist mal aufs Klo gegangen, wo sie ihre Aufbesserungsarbeiten ja auch hätte verrichten können. Da konnte ich sehen, dass sie groß und völlig unauffällig proportioniert war. Vor allem war offensichtlich – das konnte man an ihrem Gang, ihrer ganzen Haltung erkennen – dass sie unglaublich selbstbewusst war und sich für ausgesprochen attraktiv hielt. Das konnte man auch daraus schließen, wie sie mit ihrem Vater am Telefon sprach. Es war klar, dass sie für den Vater ihr Leben lang eine Prinzessin war. Das hatte dazu geführt, dass sie sich selbst dafür hielt. So, wie mit ihrem Vater, würde sie mit allen Männern verfahren. Man kann nicht sagen, dass es direkte Befehle waren, die sie erteilte. Aber Widerspruch wurde von ihr keinesfalls geduldet. Ich dachte, vielleicht studiert sie oder arbeitet für eine therapeutische Einrichtung. Keinesfalls wollte ich anorektisch werden und mich von ihr betreuen lassen. Ich war sicher, sie verachtet jeden, der damit zu tun hat. Sie benutzte während der Lektüre nicht mal einen Text-Marker. Zudem war sie eine Frau, die ein zwiespältiges Verhältnis zu ihrem iphone hat. Zum einen konnte sie es nicht aus den Fingern lassen und tatschte ständig darauf herum, ohne ein Ziel dabei zu verfolgen. Zum anderen kam sie mit der Funktionsvielfalt nicht zurecht. Da war ein verbissener Liebeskampf, der etwas Gewaltsam-Sexuelles ausstrahlte, im Gang. Das habe ich schon öfters beobachtet. Zum Beispiel bei Freundinnen, die sich mit mir verabreden und mich dann ignorieren, weil sie etwas mit ihrem iphone am Laufen haben. Die blonde Frau mit dem Rolli klaubte dann die beim Bürsten verlorenen Haare von sich und rieb die Finger aneinander, um sie loszuwerden. Dabei sind ein paar der Haare auf meinem Parka gelandet, und ich bekam wirklich Lust, sie zu schlagen. Dann ist sie wie gesagt aufs Klo und hat mich gebeten, auf ihre Sachen zu achten. Vorher hatte sie sich noch das Gesicht geschminkt und dabei mit ihrer Schulter meine berührt, was mir auch sehr unangenehm gewesen war. Und jetzt werde ich das Gefühl nicht los, dass ich nach ihr rieche. Obwohl ich erkältet bin. Weil sie die ganze Zeit geniest hat neben mir.

Sonntag, 5. Dezember 2010

Alles für die Bürgerinnen und Bürger


Auf YouTube wurde der Film bereits indiziert. Man konnte zusehen, wie Guido sich von einem Maulwurf ficken ließ. Natürlich ist das schwierig für einen Maulwurf, in einen Guido reinzuficken, also muss man zugestehen, dass es eher so war, dass Guido sich mit dem Maulwurf fickte. Der Maulwurf war Guidos Dildo und mit dem hantierte Guido, so sagt man hinter vorgehaltener Hand, ausgesprochen agressiv. Es steht zu befürchten, dass der Maulwurf es nicht überlebt hat. Andererseits vermehren Maulwürfe sich wie die Karnickel, also hat Guido stets Ersatz parat. Man kann nur hoffen, dass er nicht auf Karnickel umsteigt, denn von denen, die es wie die Karnickel treiben, spricht man überall auch offiziell. Als Kind hat Guido versucht, Hamster in Zahnpastatuben zu quetschen. In der Schule hatte Guido einen Freund, der hieß Thomas, der hat Guido mal mit Zunge geküsst, als Thomas Eltern nicht zu Hause waren. Thomas war eigentlich mit Beate zusammen, aber die war gegangen, als Thomas die Flasche Wodka aufgemacht hatte. Die hat er dann mit Guido und Andy getrunken, und dann hat Thomas Guido mit Zunge geküsst, ohne dass Andy sich daran gestört hätte. Sie wurden von Thomas’ Bruder unterbrochen, der es unmöglich fand, dass sein kleiner Bruder die Abwesenheit der Eltern nutzte, um eine Orgie zu feiern. Thomas’ Bruder war Berufssoldat, und es war klar, dass Thomas das auch werden musste, weil ihr Vater auch Berufssoldat war. Thomas schlug vor, zurück in den Partykeller zu gehen, wo er dann sofort einschlief. Guido hätte ihn gern weiter geküsst. Andy meinte, dass er gern mal wissen würde, wie das ist, wenn man den Schwanz gelutscht bekommt. Guido dachte, weil alle besoffen sind, wird ihm später keiner vorwerfen können, er sei andersrum, also fing er an, dem Andy den Schwanz zu lutschen, was dem Andy ganz gut gefiel. Er wusste nichts von Guidos Hamster-Experimenten. Der Andy ist dann ziemlich schnell gekommen, aber als der Guido meinte, jetzt sei er dran, war der Andy anderer Meinung. Er hat dem Guido deutlich klar gemacht, dass er sich um sich selbst kümmern soll, weil er jetzt schlafen will und zwar allein. Der Guido träumte in der Nacht von einem Hamster in einer Zahnpastatube. Ein paar Tage später fand Thomas’ Mutter bei Thomas in der Schreibtischschublade eine Creme, die aufgetragen auf einen Schwanz angeblich die Potenz steigern sollte. Sie stellte Thomas deswegen zur Rede, und Thomas’ meinte, die gehöre dem Guido. Das erklärte zwar nicht, wie sie in Thomas’ Schreibtischschublade gelandet war, aber der Guido war Thomas’ Mutter schon immer suspekt und somit ein Dorn im Auge gewesen. Die Potenz-Creme lieferte ihr den endgültigen Beweis dafür, dass der Guido schwul war und sich von ihrem Thomas fernzuhalten hatte. Später dann wurde der Thomas tatsächlich Berufssoldat, Abteilung Einzelkämpfer. Guido hatte einen anderen Weg eingeschlagen, auf dem er es vor allem mit Bürgerinnen und Bürgern zu tun bekam. Und dann eben auch mit Maulwürfen, weil die Vergangeheit einen immer irgendwann einholt. Deshalb wusste Thomas jetzt auch, wo er Guido finden konnte. Und er wusste, was er dann zu tun hatte. 

Samstag, 4. Dezember 2010

Joseph Blatter muss sterben - Die Einzelkämpferin III

Nelly wusste selbst nicht, wie ihr das so schnell gelungen war. Aber Joseph Blatter saß gefesselt auf ihrem Küchenstuhl, und sie hatte die Vorhänge zugezogen. Früher hätte sie es für ausgeschlossen gehalten, ihren Rachephantasien tatsächlich nachzugehen, aber in den letzten Monaten hatte sich vieles geändert. Sie hatte sich verändert. Joseph Blatter stierte auf den Christstollen, der vor ihm stand. Nelly zerschnitt ihn in mundgerechte Stücke. Mit einem Messer, das für etwas anderes konzipiert war, dachte Joseph Blatter möglicherweise und bekam den Stollen, den Nelly ihm in den Mund schob, kaum hinunter geschluckt. Joseph Blatter war der uneheliche Sohn einer russischen Gas-Oligarchin und eines Öl-Scheichs aus Katar. Beide hatten das Kind wegen dessen komisch geformter Nase sofort gehasst. Die Oligarchin fand die kalten Knopf-Augen noch schlimmer. Der Scheich meinte, die hätte er von ihr. Weder Vater noch Mutter zogen in Betracht, den Jungen zu behalten. Die Oligarchin und der Scheich hatten schon längst ihren sexuellen Kontakt eingestellt, und der Anblick der gemeinsamen Frucht brachte in beiden lediglich den Wunsch hervor, die unheilvolle Liaison so schnell als möglich zu vergessen. Dabei störte der Junge natürlich, also einigten sich die Gas-Frau und der Öl-Mann darauf, ihn in die Schweiz abzuschieben. Dort wurden Geheimnisse seit jeher gut gehütet, und die Herkunft des Bastards musste für alle Zeiten ein Geheimnis bleiben; darüber waren die Erzeuger sich einig. In der Schweiz erhielt der Junge seinen Namen: Joseph Blatter. Nelly sah einen Greisentropfen von Josephs Nase auf den Stollen tropfen. Vielleicht war es auch eine Träne. Allmählich fing der Sepp, wie Nelly ihn in Gedanken manchmal nannte, an zu riechen. Offensichtlich konnte er sich überhaupt nicht an Nelly erinnern. Sie würde ihn nie vergessen, nicht diese Nacht, in der man sie in seinem Auftrag abgeholt hatte. Es war ihr erster Urlaub gewesen, sie hatte einen wirklich freundlichen, gutaussehenden Mann am Zürichsee kenngelernt, der sie kurz darauf zu einem Fest einlud. Nelly machte den Fehler ihres Lebens. Der freundliche, junge Mann lieferte sie ihrem Gastgeber aus: Joseph Blatter. Als sie ihm zwei Tage später entkam, war an eine Anzeige nicht zu denken. Niemand hätte ihr geglaubt. Joseph Blatter drohte am letzten Bissen Stollen zu ersticken, weil Nelly sich vor ihm auszog, um ihm ihre Narben zu zeigen. Vielleicht würden die den Sepp an seine Vorlieben erinnern. Der alte Mann stank erbärmlich. Nelly widerte seine Angst an. Hier, vor ihr, ohne seine Lakaien, ohne Möglichkeit der Einflussnahme, verlor er jegliche Selbstachtung. Er bettelte. Er winselte. Er bot ihr Geld. Er bot ihr einen Traumjob. Er beteuerte in der Lage zu sein, ihr jeden, wirklich jeden Wunsch erfüllen zu können, wenn sie ihn nur gehen ließe. Nelly wusste, dass das nicht gelogen war. Aufgrund der ihr zugespielten Daten kannte sie seine Verbindungen. Keinem seiner Opfer war es bisher gelungen, zu überleben. Es war nicht ihre persönliche Rache, um die es hier ging. Sie hatte ein Exempel zu statuieren. Nelly war sich sicher: Den Sepp würde niemand rächen. Wäre er erst einmal liqudiert, würde man ihm nirgends auf der Welt auch nur eine Träne nachweinen, schon gar nicht im Katar oder in Russland. Joseph Blatter übergab sich auf den Küchentisch. Nelly nutzte die Gelegenheit, schlitzte seine Pulschlagadern auf und ließ ihn ausbluten. So wie er es mit seinen Gespielinnen und Gegenspielern ein Leben lang getan hatte. Joseph Blatter sah zu, wie er sterben musste. „Warum?“ fragte er noch, bevor er das Bewusstsein verlor, und da wurde Nelly bewusst, dass er tatsächlich nichts begriffen hatte.

Freitag, 3. Dezember 2010

Die Einzelkämpferin II - Joseph Blatter in Gefahr


Das Büro für Suchtmittelangelegenheiten wurde geschlossen, so wie alle anderen öffentlichen Einrichtungen auch. Das Trinkwasser war mit Parasiten verseucht und die Behörden nutzten das für eine Generalüberholung ihrer Leitungssysteme. Nelly war es nicht gewohnt, frei zu haben, aber sie hatte einen gesehen, bei dem die Kryptosporidien Einzug in den Darm gehalten hatten und konnte gut darauf verzichten. Draußen tobte Schneechaos. Männer in orangefarbenen Westen schoben motorbetriebene Schneewalzen über die Bürgersteige, und das erinnerte Nelly an die Männer und Frauen, die im Herbst mit motorbetriebenen Laubbläsern Laub zusammen trieben. Nelly verachtete den Gestank und den Lärm dieser Maschinen. Als eine dieser Schneewalzen auf sie zurollte, musste sie an den Laubbläser denken, dem sie im Herbst sein Blasrohr abgerungen hatte. Zuerst hatte sie ihn noch gebeten, das Teil nicht zu benutzen, und er hatte so getan, als würde er sie nicht verstehen. Dann war sie mit ihrem Rechen auf ihn losgegangen, und obwohl sein Blasrohr eine viel stärkere Waffe als ihr Rechen war, hatte sie ihm zuerst den Rechen und dann sein Blasrohr über den Schädel gezogen. Jetzt stand sie mit ihrem Schneeschieber da, und die Schneewalze rollte auf sie zu. Das Problem war: Es gab Publikum. Außerdem hatte der Walzer Kollegen, die soffen sich gerade am Kiosk warm, hatten aber freie Sicht auf sie. Nelly musste ihre Attacke tarnen. Sie schippte einfach auf die Walze zu. Es war an dem Walzer, ihr auszuweichen oder abzustoppen. Sie hörte ihn rufen, ließ sich aber davon nicht beeindrucken. Sie beschleunigte, und natürlich war der Walzer zu langsam. Die Walze zersplitterte Nellys Schieber. Nelly stand nur noch mit dem Stiel da, und der landete erst in den Weichteilen und dann im Genick des Schneewalzers. Seine Kollegen hielten in ihren Trinkbewegungen inne und müssen wohl gedacht haben, dass der Schnaps gepanscht war. Nelly fühlte sich besser. Zu Hause wartete der italienische Entbürokratisierungs-Minister auf sie. In Rom hatte er sich noch geweigert, mit ihr zu sprechen. Was sollte er mit einer vom Büro für Suchtmittelangelegenheiten zu schaffen haben? Doch mittlerweile war Nelly eine Frau, der man aus Sicherheitsgründen ungern etwas ausschlug. Der italienische Entbürokratisierungs-Minister saß gefesselt in Nellys Küche und begrifft nicht, was Nelly von ihm wollte. Nelly wusste es selbst nicht mehr. Sie war dem Rechercheauftrag nachgegangen, ob ein solches Ministerium auch hier funktionieren könnte, unter ihrer Leitung, wie sie annahm. Aber das war vor dem Bullen mit seiner Männersucht und vor Mario, ihrem Praktikanten, der sich plötzlich mit dem Bullen amüsierte, gewesen. Seitdem verselbstständigten sich die Dinge in Nellys Leben, so dass der eine oder andere Zusammenhang für sie nicht mehr zu greifen war. Nelly hatte kein Problem damit. Sie hatte vor allem keine Lust mehr auf den italienischen Entbürokratisierungs-Minister. Sie löste seine Fesseln, und so höflich, wie er sich vor ihr verbeugte, konnte sie sich sicher sein, dass er keine Gefahr für sie bedeutete. Die Daten, die er ihr im Gegenzug für seine Freilassung überließ, bedeuteten hingegen sehr wohl Gefahr und zwar nicht nur für Nelly. Sie träumte trotzdem von Josef Blatter auf ihrem Küchenstuhl. Nur würde sie den nicht einfach wieder gehen lassen, jedenfalls nicht so unversehrt; so viel war klar.

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Kinder und Bomben 4


Die Gang der 14-17-Jährigen in meinem Kiez nennt sich Die Destillatoren. Sie kommen sich mit Die Japan Noten (die 5-8-Jährigen) und Das Patriotische Band (die 9-13-Jährigen) nicht in die Quere. Manchmal kommt es vor, dass einer nach seinem Geburtstag zum Beispiel kein Patriotisches Band mehr ist, dafür aber ein Destillator. So ein Übergang ist nicht selbstverständlich, und es gibt viele Untergruppierungen, die sich aber ziellos verlaufen, so wie die Kids selbst. Die sind dann nur noch im affektiven Modus. Das Gefährliche an den Destillatoren ist, dass sie total unauffällig sind. Sie haben keine Kutten und machen keinen Lärm, wenn du sie siehst. Es kann jedoch vorkommen, dass es irgendwo total laut ist, aber du siehst niemanden, der den Lärm verursacht, und das sind dann die Destillatoren. Anfangs haben die Destillatoren mal geglaubt, mit der Volljährigkeit müsse ihr Leben vorbei sein. Es gab Opferrituale, die aber nie konsequent zu Ende gebracht wurden. Seitdem existiert eine große Wut bei den Destillatoren, und neuerdings werden sie doch verhaltensauffällig. Neulich haben sie ein Exempel statuiert. An den Bulgaren. Die Bulgaren sind zwei. Der eine ist groß und hat Haare wie dauergewellte Drahtborsten. Er trägt buntkarierte Schlaghosen und Ringelpullover. Manchmal sind es auch Hosen mit Blumenmuster. Er hat einen Labrador, der nicht gehorcht. Dem rennt er immer hinterher, und alle wundern sich, dass keiner der beiden bisher überfahren wurde. Der andere Bulgare ist kleiner und dick. Er hat eine Platte; der Rest der blonden Haare fällt bis auf seine Schultern. Er hat meistens eine helle Cordjacke an, oder einen Parka. Und Bluejeans. Er hat einen Chiwawa, der immer an Bierbänken sein Bein hebt, egal ob da auch Menschenbeine sind. Eigentlich wusste bisher keiner, ob es Bulgaren sind. Viele haben sie für Russen gehalten. Manchmal sind die zwei Bulgaren sehr betrunken. Dann stehen sie auf dem Bürgersteig und lamentieren. Wenn sie gehen, geht der Große vor dem Dicken. Manchmal hört man sie singen; wenn ihre Fenster offen stehen. Sie haben ein Ladenlokal, da sind immer die Jalousien unten und an die Scheibe ist mit blauem Klebeband das Wort ‚Filmagentur’ geklebt. Niemand weiß, was zwischen den Destillatoren und den Bulgaren vorgefallen ist, was die ganze Sache ausgelöst hat. Zuerst ist der Chiwawa verschwunden, dann bekam der Labrador epileptische Anfälle. Als nächstes dachten wir, einer der Bulgaren ist auch verschwunden, der Dicke. Auf einmal rannte der Große allein rum, in einem Ledermantel mit Pelzkragen, der aussah wie der Chiwawa. Er ging jetzt immer sehr geduckt. Dann tauchte der Dicke wieder auf. Ihm fehlte ein Auge. Und plötzlich erkannte man die Destillatoren. Alle trugen schwarze Handschuhe, die ihre Hände wie Prothesen aussehen ließen. Aber vor Allem sprachen alle Destillatoren mit einem Mal ausschließlich Bulgarisch. Das macht ihre Eltern verrückt. Und die beiden Bulgaren auch. Auch in der Schule oder im Supermarkt, die Destillatoren sprechen Bulgarisch. Ihre Eltern versuchen sie jetzt voneinander zu separieren, aber es hilft nichts. Es werden sogar immer mehr. Einige wollen schon Japan-Noten  und welche vom Patriotischen Band getroffen haben, die auch Bulgarisch sprechen. Das ist hier im Kiez überhaupt nicht vorgesehen. Wir wissen auch nicht, wie sie die Sprache erlernen. Eine Bürger- bzw. Elterninitiative tritt dafür ein, die beiden Bulgaren zu entfernen. Die sind eh schon kaum noch sie selbst. Obwohl der Chiwawa wieder aufgetaucht ist; allerdings ist  er schwanger. Man munkelt, die Destillatoren hätten da was eingefädelt, aber wenn man sie danach fragt, hat man natürlich keine Chance, ihre Antwort zu verstehen.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

Behindertengerechtes Einparken


Zwei Häuser weiter wohnt Rollstuhl-Birgit. Ihr Rollstuhl ist motorisiert, und Birgit umklammert mit ihrer rechten Faust den Gashebel. Sie fährt immer mit nach vorn gebeugtem Oberkörper, so, als wolle sie sich nach einem 100-Meter-Lauf ins Ziel werfen. Dabei guckt sie sehr verbissen. Bis vor kurzem hatte sie einen Pekinesen, der auf ihrem Schoß mitfuhr. Aber nur bis zum Kiosk, wo Birgit ihr Bier holt. Da kam der Beutel mit dem Bier auf den Schoß, und der Pekinese musste zu Fuß laufen. Dann konnte er auch kacken und pissen, obwohl Birgit nie auf ihn gewartet hat. Irgendwas muss mit dem Pekinesen passiert sein. Birgit hat jetzt einen hüfthohen, schwarzen Mischling, der nicht auf ihren Schoß passt oder will. Er läuft immer neben ihr her und manchmal zerrt er auch an der Leine, weil er weg von Birgit will. Dann schreit Birgit ihn an, zerrt auch an der Leine, aber offenbar hat sie mehr Kraft als der Mischling. Ihr Rollstuhl fährt ziemlich schnell, und außer zum Kiosk fährt Birgit nirgends hin. Weil sie immer die Lippen so verbissen aufeinanderpresst, wagt auch keiner mit ihr zu sprechen. Die, die „Hallo“ sagen und unterhaltungswillig stehen bleiben, müssen aufpassen, dass sie nicht umgefahren werden. Sobald man Rollstuhl-Birgit sieht, weicht man ihr lieber aus. Sogar die Mutterfaschistinnen mit den Kinderwagen, die sonst immer auf Konfrontation aus sind, machen das. Neulich habe ich Birgit zum ersten Mal im Park gesehen. Ihr Rollstuhl stand neben einer Bank, und auf der Bank saß ein Ausländer, und der Hund zerrte an der Leine, und Birgit hat ihn angeschrien. Später flitzte sie wieder die Straße zum Kiosk hoch, aber zwei Tage später sehe ich sie wieder mit diesem Ausländer und Birgit lacht. Der Typ hat dunkle Haut, ist aber kein Schwarzer. Außerdem hat er einen Oberlippenbart, trägt eine Brille und einen grünbraunen Tweedmantel. Irgendwie fällt er hier kaum auf, wegen den vielen indischen Restaurants, obwohl er bestimmt kein Inder ist. Oder wegen den Touristen, weil die hier so normal sind und Wohnungen mieten und dann in ihrer Freizeit hier wohnen. Seit Birgit ihn kennt, fährt sie langsamer; aber sie sieht immer noch verbissen aus. Zum Kiosk fährt sie nicht, wenn er dabei ist. Obwohl ich nicht wollte, musste ich jetzt zum Hauptbahnhof, der hier im Ausnahmezustand ist, genauso wie die Wohnung der Bundeskanzlerin gegenüber vom Pergamonmuseum. Nur dass ich mich bei ihr neulich Abend irgendwie sicherer fühlte, weil alles überschaubar schien. Die Security-Beamten hatten sich als Gäste ausgegeben und deshalb auch keine beschusshemmenden Westen getragen. Am Bahnhof war das anders. Am Bahnhof war auf einmal Rollstuhl-Birgit, nur hatte ihr Rollstuhl plötzlich keinen elektrischen Antrieb mehr, und der Hund trug einen karierten Mantel und ein Halstuch, was ihn wirklich niedlich aussehen ließ. Der Dunkelhäutige hat den Rollstuhl geschoben, und auf Birgits Schoß lag ein Beutel, in dem bestimmt keine Bierflaschen waren. Alle haben ihnen Platz gemacht, und die Männer und Frauen mit den Maschinengewehren, die haben so getan, als wären Birgit und ihr Begleiter gar nicht da. Vor einem haben sie sogar angehalten und ihn irgendwas gefragt, und er hat ihnen dann den Weg gezeigt und nicht mal danach eine Meldung über Funk abgegeben. Und natürlich fragst du dich da, was tun. Erzähl so einem Bundespolizisten mal was von Rollstuhl-Birgit, während er auf Terrorwache ist. 

Dienstag, 30. November 2010

soweto culture defense II


Der Zaun ist aus Metall, zwei Meter hoch vielleicht, mit Bast verkleidet, wie ein Rock, weil das Grundstück rund ist, also auch der Zaun. Das Tor steht offen. Vor dem Haus, dessen blassblaue Farbe abblättert, steht ein schwerer Holztisch. Wenn man zum Eingang will, vor dem ein Fliegenfänger hängt, muss man an dem Tisch vorbei. Auf dem Tisch steht ein riesiger Hund. Er sieht aus, als würde er mit Testosteron gefüttert. Er steht breitbeinig da und rührt sich nicht, aber Sabber tropft zwischen seinen Lefzen raus. Das Halsband könnte genauso gut aus Stacheldraht sein. Würde mich nicht wundern, wenn auch Diamanten dran sind. Ich traue mich nicht an dem Hund vorbei. Er starrt mich an und ist nicht angeleint. Mir bleibt kein Wahl. Drinnen ist es dunkel. Sie haben Pappe in die Fensterrahmen gepresst. Der Filz auf dem Billardtisch ist eingerissen. An einer Wand über einem Sofa, aus dem die Polsterung quillt, hängt ein Schild, da ist eine Pistole drauf. Auf die Pistole ist ein rotes Kreuz gemalt. „Arms free“ steht drunter. Keine Ahnung, ob das nur für Gäste gilt. Der Typ hinter dem Tresen hat seinen Arm aufgestützt und auf den Arm den Kopf. Neben ihm leuchtet ein Cola-Automat. Der mit Diesel betriebene Generator dröhnt aus dem Kabuff hinter der Theke. Durch den Türspalt sind vier Füße und Beine zu sehen. Sie wippen nicht im Takt der Musik, die versucht sich gegen den Generator durchzusetzen. Ich will vier Literflaschen Bier. Die Jungs vom Billardtisch unterbrechen ihr Spiel und zünden sich zu zweit eine Zigarette an. Der Typ von der Bar verschwindet im Kabuff, und die da drin müssen ihre Füße einziehen, aber er achtet darauf, die Tür nicht so weit zu öffnen, damit keiner erkennen kann, wer drin ist. Ich warte. Die Billardjungs tun so, als wäre ich nicht da, lassen mich aber nicht aus den Augen. Das Bier ist sogar kalt. Ich frage nach einer Tüte, und das wird zu einem Problem, weil sich nirgendwo eine auftreiben lässt. Der Hund steht immer noch auf dem Tisch, aber jetzt ist er unruhig. Vielleicht will er runter. Aber er springt nicht. Hinter mir legen die Jungs vom Billardtisch eine Kette vors Tor. Ohne Ausweis kommst du da jetzt nicht mehr rein. Als Ausweis gilt dein Gesicht. Bei dem Hund bin ich nicht sicher, ob er sich Gesichter merkt. Vor mir gehen vier Jungs und neben uns rollt eine Limousine, die immer langsamer wird. Auf Höhe der Jungs hängt der Fahrer den Kopf zum Fenster raus und ruft: „Who let the dogs out?“ Die Jungs fangen rhythmisch an zu bellen. Der Fahrer lacht, tritt aufs Gas und auf die Bremse und zieht eine Spur geschmolzenen Gummis hinter sich her.